Vom Aussterben bedroht

Eine Lanze für die Gesprächspsychotherapie

Von den Jüngeren dürften viele durch ein Studium der Klinischen Psychologie gegangen sein, in dem sie viel über positive und negative Verstärker gelernt haben, über Kontingenzintervalle, über Evidenzbasierung und Metaanalysen. Sie können die Kriterien von randomisierten kontrollierten Studiendesigns vortragen und wissen um die diversen Wenden der Verhaltenstherapie. Vielleicht haben manche trotz der verhaltenstherapeutischen Monokultur auch schon mal von Übertragungsphänomenen, Triebtheorien, Konfliktdynamiken und Strukturdefiziten in der tiefenpsychologischen Theorie gehört. Aber Humanistische Psychologie? Schon mal eine Veranstaltung an der Uni dazu erlebt?  Die Verhaltenstherapie und die Tiefenpsychologie bestechen durch ihre Störungstheorien. Daraus leiten sie Behandlungsstrategien für den Umgang mit Störungen ab. Logisch. Und wirksam. Wirklich? Ist wirklich die aus der Störungstheorie abgeleitete Behandlungsstrategie das Agens? Seit vielen Jahren wissen wir: Nicht alles ist Beziehung in der Psychotherapie. Aber ohne Beziehung ist (sie) nichts.

Die Gesprächspsychotherapie (GT) stellt den Beziehungsaspekt ins Zentrum der Begegnung. Sich im interaktiven Geschehen mit dem Gegenüber zu bewegen, sich seine Sicht verständlich zu machen, sich in ihn oder sie hineinzuversetzen, mit seinen/ihren Augen zu sehen, wie er oder sie zu fühlt, ohne die Distanz zu verlieren, ist die Herausforderung an Gesprächspsychotherapeut(inn)en. Was will mir mein Gegenüber im Moment sagen? Was löst er bei mir aus? Was von seiner augenblicklichen Existenz kann ich verstehen, nachempfinden und ihm durch meine Reaktion besser verständlich machen? So arbeitend sind wir nicht die Fachleute für die Probleme oder die »Störungen« unserer Patient(inn)en. Wir sind die Fachleute für den Prozess der Selbsterkenntnis im Hier und Jetzt. Welche andere Therapierichtung außer der Humanistischen Psychologie bietet das an? Was haben Patient(inn)en davon? Eine unglaubliche Freiheit: die Freiheit, sich selbst mehr und mehr anzunehmen, »so wie sie sind«, und aus dieser Selbstakzeptanz innere Stimmigkeit zu entwickeln – Selbstkongruenz in der Sprache der GT. Die – so gut es geht – vorbehaltlose und nicht durch die Störungstheorie gerasterte Zuwendung von Psychotherapeut(inn)en macht ansichselbst leidenden Menschen Mut zum Bekenntnis zu ihrer »Unperfektheit«, zu ihren »Macken«, verheimlichten Wünschen oder Gefühlen. Sie werden authentischer und damit lebenstüchtiger. Selbsterkenntnis und Selbst-»Bewusstheit« wirken als Veränderungsinstrument und als therapeutischer Weg zur Heilung.

Gibt es das nur in der GT? Nein, natürlich nicht, aber dort als Hauptgericht, als Extraportion und nicht als Beilage oder Vorspeise – etwa nach dem Motto: Ich muss zuerst einmal eine therapeutische Beziehung aufbauen, bevor ich mit der Therapie beginnen kann. Um es auf einen plakativen Gegensatz zu bringen: In der Humanistischen Psychologie geht es um Entfaltung und nicht um Restauration.

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