Autonomie und Verbundenheit - Innerfamiliäre Beziehungen heute

Interview mit Gisela Trommsdorff

Wie gestalten sich intergenerationale Beziehungen innerhalb der Familie heute?
Auch wenn es schwierig ist, diese Frage so allgemein zu beantworten, lässt sich doch sagen, dass sich die Bedeutung und Funktion der Familie verändert hat. Früher war das Konstrukt »Familie« klarer definiert, und es gab stärkere normative Verpflichtungen, die das Miteinander
regelten. Heute basiert innerfamiliäre Unterstützung eher auf intrinsischer Motivation, ist freiwillig
und emotional bedingt. Normen und Konventionen bestehen nur noch allgemein, in dem Sinne, dass es generell erwünscht ist, positiv und unterstützend miteinander umzugehen.
Entsprechend wichtig ist heute die wahrgenommene Qualität der gegenseitigen Beziehung: dass man dem anderen vertraut und sich aufeinander verlassen kann, sich auch über Persönliches oder Intimes austauschen kann. Wir beobachten da heute eine größere Offenheit und vertrauensvollere Kommunikation.

Welchen Einfluss hat der demografische Wandel in diesem Zusammenhang?

Die Tatsache, dass heute insgesamt weniger Kinder geboren werden und die Familiengründung
sich im Lebenslauf nach hinten verschoben hat, beeinflusst ebenso wie die gestiegene Lebenserwartung die innerfamiliären Beziehungen. Horizontale, also intragenerationale
Verbindungen werden seltener und verlieren an Bedeutung, während vertikale, also intergenerationale Familienbeziehungen wichtiger werden. In einer schwierigen Position befindet sich dabei die sogenannte »Sandwichgeneration«. Die lang gezogene Generationsfolge führt dazu, dass diese Personen, die zugleich Kinder- und Elterngeneration sind, gerade an dem Punkt im Leben, an dem sie wieder etwas mehr Freiheit von Versorgungsverpflichtungen genießen
können, vor die Frage gestellt werden: Wie gehe ich mit meinen alten und hilfsbedürftigen Eltern um? Die erneute oder doppelte Einschränkung der persönlichen Freiheit kann zu Konflikten führen – nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch intern. Denn es geht nicht nur um normative Überlegungen, sondern auch um die emotionale Verpflichtung. Hinzu kommt, dass die Pflege der alten Eltern auch den Nährboden für das Wiederaufleben früherer Konflikte schaffen kann. In dieser ohnehin belastenden Zeit können alte, ungelöste Probleme wieder neu an Bedeutung gewinnen.

Lesen Sie das gesamte Interview in unserer Doppelausgabe Juli/August.

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