Was bedeutet die neue Psychotherapie-Richtlinie für die Ausbildung?

Der Erste Weltkrieg, der vor nicht ganz 100 Jahren zu Ende ging, hinterließ eine große Zahl von Traumatisierten, darunter auch traumatisierte Soldaten, die man damals »Kriegszitterer« nannte. Der Zweite Weltkrieg, gerade einmal eine Generation später, führte zu weiteren Kriegstraumatisierten, zu denen zusätzlich auch die Überlebenden des Holocaust und der Atombombenabwürfe zählten. Ausgehend von der Frage nach der Berentung der Betroffenen entwickelte das Bundessozialgericht in mehreren Rechtsprechungen von 1959, 1964 und 1980 eine Gleichstellung körperlicher undseelischer Leiden. Diese Rechtsprechung war aber nicht nur in Bezug auf Berentungen, sondern auch für die Krankenversicherungen von entscheidender Bedeutung: In den frühen 1960er-Jahren klagten Versicherte erstmals die Kostenübernahme einer Psychotherapie durch die Krankenversicherungen erfolgreich bei den Sozialgerichten ein.

Erste Psychotherapie-Richtlinie

1966 belegten Studien von Dührssen und Jorswieck die Wirksamkeit der analytischen Psychotherapie und bahnten damit den Weg zur Einführung der analytischen Psychotherapie durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im Jahr 1967. Zeitgleich wurde zum 1. Oktober 1967 die Psychotherapie-Richtlinie erlassen und im »Deutschen Ärzteblatt« veröffentlicht. In ihr wurde schon damals das Gutachterverfahren eingeführt. Weiterhin wurde ein sogenanntes »Delegationsverfahren für Psychologen« ermöglicht, da es zu wenige ärztliche Behandler gab. Die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeuten gab es damals noch nicht – und damit auch nicht die Möglichkeit einer Kassenzulassung für Psychologen und Pädagogen. Da trotz des Delegationsverfahrens die Kapazitäten nicht ausreichten, erstritten sich Versicherte schon damals Behandlungen über das Kostenerstattungsverfahren.

Verhaltenstherapie als Richtlinienverfahren

In den 1970er-Jahren erstritt sich auch die Verhaltenstherapie ihren Einzug in das GKV-System, zunächst 1980 über einen Modellversuch. 1987 – also 20 Jahre nach der Psychoanalyse – wurde auch sie in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen. Seit 1993 mussten Psychologen und ärztlichen Psychotherapeuten einen rasanten Honorarverfall hinnehmen, der auf einem sogenannten »Hamsterradeffekt« fußte, aufgrund von Neuniederlassungen und fehlenden finanziellen Mitteln. Der existenzielle Druck auf die Kollegen stieg. Dies war die Geburtsstunde der bis heute anhaltenden Klagen für gerechte Honorare – mit einem ersten Erfolg im Jahr 1999, als der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) das sogenannte »Zehn-Pfennig-Urteil« vor dem Bundessozialgericht erstritt, welches bis heute den Schutz der Vergütung der genehmigungspflichtigen Leistungen zur Folge hat.

Viele praktische Fragen zu neuen Regelungen


Nun liegt eine weitere große Novellierung der Psychotherapie-Richtlinie vor, pünktlich zu ihrem 50. Geburtstag. Hintergrund der Neuerungen war der immer weiter gestiegene Druck auf die Therapeuten aufgrund der langen Wartezeiten. Zudem wurde immer wieder die mangelhafte telefonische Erreichbarkeit kritisiert, denn die wenigsten Praxisinhaber können sich eine Sprechstundenhilfe leisten. Darüber hinaus gab es Forderungen, dass Psychotherapeuten auch die Durchführung von kurzfristigen Abklärungen ermöglicht werden sollte, um Chronifizierungen psychischer Störungen vorzubeugen. Abhilfe sollen nun einige neue Leistungen schaffen, wie etwa die psychotherapeutische Sprechstunde, die Akutbehandlung, die Rezidivprophylaxe und die Teilung der Kurzzeittherapie (KZT) in zwei Behandlungsschritte. In den Praxen haben die Umsetzung der neuen Regelungen und der Umgang mit den neuen Abrechnungsziffern viele Fragen aufgeworfen. Aber auch die Ausbildungsinstitute mussten sich mit der Frage auseinandersetzen, wie die Integration der neuen Richtlinie in die Psychotherapie-Ausbildung umzusetzen ist. FürAusbildungskandidaten ergeben sich zusätzliche Fragestellungen und Problemlagen, die zum Teil von Institut zu Institut unterschiedlich gehandhabt werden.

Lesen Sie den gesamten Artikel in unserer September-Ausgabe.

Report Psychologie September 2017 bestellen

Zurück