Wie passen Menschen und Berufe zusammen?

Rede von Professor Heinz Schuler bei der Entgegennahme des Deutschen Psychologie Preises 2017

Wir alle, meine Damen und Herren, sind in der glücklichen Situation, schöne, reichhaltige, erfüllende Berufe zu haben. Weil wir einer Berufstätigkeit nachgehen, die unsere Fähigkeiten fordert, uns Anregungen zu neuen Ideen gibt und auch die Freiheit einräumt, diesen Ideen nachzugehen; weil wir Berufe haben, die unseren Interessen und Werten entsprechen und unser Leben bereichern,
die – kurz gesagt – zu uns passen. Hiervon handelt die Berufseignungsdiagnostik, über die wir heute sprechen wollen, – aber auch von der Kehrseite, davon, wie leicht es ist, mit einem ungeliebten Beruf sein Glück zu verfehlen. Denn es gibt viele Menschen, die in Berufe hineingeraten
sind, die nicht zu ihnen passen, oder die aus diesen Beschäftigungen wieder herausgeraten sind, weil sie nicht mehr gebraucht wurden. Ich habe das Beispiel eines arbeitslosen Gerbers vor Augen, der immer wieder bei der Arbeitsagentur nach einer offenen Stelle fragte. »Nein«, hieß es, »für Gerber sieht es in Deutschland schlecht aus, und es ist auch nichts Ähnliches verfügbar.«
Wir, das heißt meine Arbeitsgruppe, haben diesen Mann in ein eignungsdiagnostisches System einbezogen, das wir »Job-Profiling« nannten. Job-Profiling ist ein Algorithmus, in dem einerseits die Anforderungen an Fähigkeiten und Fertigkeiten der wichtigsten Berufe eingespeist wurden. Die Berufssuchenden oder Stellensuchenden andererseits werden gründlich getestet und befragt. Diese Datensätze werden dann miteinander verglichen. Dabei werden Tausende von Datenpunkten abgestimmt – eine Arbeit, die auch die erfahrensten Berufsberater nicht im Kopf leisten können. Das Ergebnis ist eine Rangreihe von Berufen, in denen sich Personmerkmale und Tätigkeitsanforderungen gut entsprechen. Patrick Mussel war hieran beteiligt, der inzwischen an der Freien Universität Berlin seinen Platz gefunden hat.
Unser Gerber ist jetzt Baumarktverkäufer – woran zuvor niemand gedacht hat. Er ist glücklich, mit über 50 noch seine Berufung gefunden zu haben, und auch der Herr Obi ist mit ihm zufrieden. Wilhelm von Humboldt, dessen Spuren ich als Mitglied der Humboldt-Gesellschaft verfolgen darf, hat solche Fälle in die schönen Worte gefasst: »Nie ist das menschliche Gemüt heiterer gestimmt, als wenn es seine richtige Arbeit gefunden hat.«

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