Ein therapeutisch und öknonomisch verlockendes Heilsversprechen

Interview mit Eileen Bendig über internet- und mobilebasierte Interventionen (IMI) bei psychischen Störungen

Was sind IMIs? Und sind sie so kompliziert, wie sie klingen?
Es sind meist umfangreiche Selbsthilfeprogramme. Sie können vor allem aufklärend und präventiv oder therapieflankierend eingesetzt werden. Einige dienen der Nachsorge und Rückfallprophylaxe. Die Zahl von Rückfällen konnte durch eine internetbasierte Nachsorge, die auf eine stationäre psychotherapeutische Behandlung folgte, im Durchschnitt um zwei Drittel gesenkt werden.
In Ländern, in denen es bereits möglich ist, IMIs als therapeutische Interventionen einzusetzen, gibt es auch Psychotherapie-Sitzungen, die technisch ganz unterschiedlich umgesetzt werden können, beispielsweise per Videokonferenz stattfinden.

Zur Begleitung oder Behandlung welcher psychischen Störungen eignen sie sich?
In mehr als einhundert Studien wurde gezeigt, dass sie unter anderem bei Depression, Angsterkrankungen, Essstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und chronischen Schmerzen geeignet sind. Auch bei Paartherapie und Elterntrainings haben sie gute Ergebnisse gezeigt. Ihr Einsatz ist nicht auf psychische Erkrankungen beschränkt, sondern auch bei Krebs, multipler Sklerose, chronischen Kopfschmerzen und anderen Erkrankungen möglich.

Das klingt nach einem umfassenden Heilsversprechen …

… was es nicht ist. Die Studien liegen zwar vor, sie stammen in Deutschland jedoch aus der Forschung. In verschiedenen Ländern, wie Australien und Schweden, gehören IMIs aber bereits zur gesundheitlichen Routineversorgung.

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt Grenzen?
Aktuell werden Interessierte in Studien häufig bei Suizidgefahr, schweren Depressionen und komplexer Psychopathologie von einer Teilnahme ausgeschlossen. Es gibt jedoch Anzeichen, wonach IMIs auch bei schweren depressiven Symptomen oder lebensmüden Gedanken hilfreich sein könnten. Man braucht dann allerdings hoch strukturierte Vorgehensbeschreibungen und Sicherheitsstandards für die Online-Therapien und sicherlich noch deutlich mehr Forschung.

Und das unabhängig vom Alter? Setzen IMIs nicht eine starke Internetaffinität voraus, die generationsübergreifend noch nicht gegeben ist?

Es sind vor allem gebildete Frauen mittleren Alters, die ähnlich wie von klassischen Therapieangeboten auch von den internetgestützten Interventionen erfolgreich Gebrauch machen. Die Studienlage widerlegt hier das Vorurteil, IMIs eigneten sich vor allem für sehr internetaffine
Menschen.

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