Leitbilder des hohen Alters

Das junge Alter ist eine Erfolgsgeschichte, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der schrittweisen Widerlegung des Defizitmodells des Alterns anbahnte (Lehr, 1972). Der »Unruhestand« wurde ausgerufen: Es wurde empfohlen, sich im Ruhestand nicht auf die faule Haut zu legen, sondern in irgendeiner Form weiter zu arbeiten, frühere Tätigkeiten wieder
aufzugreifen oder neue zu starten. Da gleichzeitig die Frühverrentung propagiert und weitgehend akzeptiert wurde, führte das zu einem Aufschwung von Freizeit und Bildungsaktivitäten. Junge Alte hatten Zeit (und oft auch die Mittel) für weite Reisen oder begannen eine neue Ausbildung. Das Seniorenstudium kam in Mode. Ungeachtet der Frühverrentungsideologie orientierten sich viele beruflich neu oder nahmen anspruchsvolle ehrenamtliche Tätigkeiten auf. Oft ging dieser Aufbruch
mit einem Ausbruch aus traditionellen Bindungen einher. Ehepartner trennten sich, neue Bindungen wurden eingegangen.
Was blieb, waren Befürchtungen bezüglich des »richtigen«, des alten Alters: Obwohl diese späte Lebensphase immer weiter hinausgezögert wurde, geriet man irgendwann unweigerlich an eine Grenze, die heute bei etwa 75 bis 85 Jahren liegt. Für die Zeit danach gibt es eine Menge guter Ratschläge und tröstlicher Aussagen, etwa dass der Level des Wohlbefindens nicht generell absinken müsse, weil die meisten Menschen in ihrem langen Leben gelernt hätten, sich einigermaßen in Form zu halten. Dies gilt bis zu einem Umschlagpunkt, der etwa vier Jahre vor dem Tode liegt und die tröstlichen Kriterien abrupt absinken lässt. Hans-Werner Wahl schlägt vor,
diese letzte Phase als »fünftes Lebensalter« zu bezeichnen (Wahl, 2017, S. 173).
Wie auch immer man das vierte oder fünfte Lebensalter beschreibt, über ein Gesamtkonzept des hohen Alters, wie es für das dritte Lebensalter das Konzept des »jungen Alters« gibt, besteht wenig Verbindlichkeit. Die Soziologin Silke van Dyk bringt diese Verlegenheit auf den
Punkt und bezeichnet das vierte Alter als »verworfenes Leben« (2015, S. 140).

Rückkehr zum Ursprung

Der Psychoanalytiker Tobias Brocher (1977) beschreibt die ersten Stufen des menschlichen Lebens treffsicher und realistisch. Die Leitlinien jeder Stufe ergeben sich aus altersgemäß entstehenden Problemfeldern und der Aufarbeitung unerledigter Aufgaben aus früheren Stufen. Dieses Prinzip kann Brocher für die letzte Stufe, das hohe Alter, nicht durchhalten. Denn in dieser Phase können frühere Versäumnisse kaum noch aufgearbeitet werden. Als Lösung wird angeboten, an der bisherigen Selbstgestaltung nicht weiter zu arbeiten: »Was wir ein Leben lang als Selbst betrachten, ist in Wirklichkeit das Abbild all jener Eindrücke, die wir von anderen empfingen, nach denen wir glauben, uns richten zu müssen. […] Mit dem Zerfall des falschen Selbstbildes
in hohem Alter scheint nun jener ursprüngliche Kern wieder befreit zu werden, der in der Kindheit
unser Leben bestimmte, bevor der eigene Ursprung durch entliehene oder aufgezwungene Selbstvorstellungen verdrängt wurde und dadurch unentwickelt blieb. Das würde nicht nur den fast unbegreiflichen Energiezuwachs hohen Alters verständlich machen, sondern auch die unbekümmerte Heiterkeit und Gelassenheit« (S. 186).

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