Und ständig streiten sich meine Hände

Wenn Körperteile sich entfremden

Charles Andre und Romeu Domingues beschrieben 1996 einen 62-jährigen Portugiesen, der an einem Sommermorgen davon erwachte, dass seine Frau seinen rechten Unterarm berührte. Als er hinblickte, sah er jedoch zu seinem Erstaunen, dass es nicht seine Gattin, sondern seine eigene linke Hand war, die ihn kniff. Die linken Finger machten sich selbstständig mit Bewegungen und Gesten, die er nicht bewusst hemmen konnte. Immer wieder tastete seine linke Hand nach seiner rechten Hüfte, seinem Oberkörper, seinem rechten Arm oder zupfte an der Kleidung herum. Für kurze Zeit konnte er diese unerwünschten Aktivitäten kontrollieren, indem er den linken Arm fest an sich presste; das abnorme Verhaltensmuster wiederholte sich jedoch jedes Mal wieder, wenn er den Arm losließ.

Alien-Limb-Syndrom
Die beschriebene Symptomatik ist recht typisch für das sogenannte »Alien-Hand-Syndrom«. Da es sich nicht nur auf die Hand, sondern auch auf andere Gliedmaßen beziehen kann, wird es oft auch als »Alien-Limb-Syndrom« bezeichnet. Der deutsche Neurologe Kurt Goldstein beschrieb 1908 eine 57-jährige Frau, deren linke Hand einen eigenen Willen entwickelt hatte. Sie bewegte sich unwillkürlich, und ihre suchenden Finger neigten dazu, alle Objekte zu betasten, denen sie zufälligerweise begegneten. Behielt die Patientin ihren Arm nicht im Auge, konnte sie nie ganz sicher sein, was er vorhatte. Noch beunruhigender war, dass sich ihre Finger manchmal fest um ihren Hals schlangen und sie zwangen, sich mit ihrem gehorsameren Arm dagegen zu verteidigen. Generell hatten die von Goldstein beschriebenen Patientinnen und Patienten keine oder nur noch minimale Kontrolle über eine Hand und empfanden diesen Körperteil als fremd und nicht zu ihrem Körper gehörend; daher wurde später die Bezeichnung »alien« gewählt. In manchen Fällen arbeitete die betroffene Hand regelrecht gegen die andere Hand, indem sie sie etwa daran hinderte, etwas zu tun, oder – in Extremfällen – versuchte, ihre Besitzerin bzw. ihren Besitzer zu schlagen.

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