Neben sich stehen, wenn es drauf ankommt - Depersonalisationssymptome in Leistungssituationen

Zusammenfassung
Gefürchtete Leistungssituationen provozieren bei vielen Menschen die Empfindung, »neben sich zu stehen«. Das Forschungsdefizit zu diesem fachlich als Depersonalisationserleben einzuordnenden Phänomen ist aber noch eklatant. Das vorliegende narrative Review offenbart, dass das Erleben von Depersonalisation in Leistungssituationen nicht nur häufig vorkommt, sondern auch mit Angst  aufrechterhaltenden Mechanismen assoziiert ist. Ein kognitiv-behaviorales Modell zur  Aufrechterhaltung der Depersonalisationssymptome in Leistungssituationen wird vorgestellt und das Erleben von Depersonalisation zu anderen aus der Forschung zu Leistungssituationen bekannten Phänomenen wie »Flow« und »Choking Under Pressure« abgegrenzt. Implikationen für die Forschung und Praxis werden diskutiert.

Einführung
Leistungssituationen sind in der schulischen und akademischen Ausbildung und auch in vielen  Berufsfeldern nicht zu umgehen. Viele Menschen kennen die Erfahrung, ausgerechnet in solchen Momenten »neben sich zu stehen« (vergleiche Aderibigbe, Bloch & Walker, 2001). Der Fachterminus für solche Empfindungen von Unwirklichkeit, Entfremdung oder Lösung von den eigenen Gedanken, Gefühlen oder vom eigenen Körper lautet »Depersonalisation«. Entfremdungserfahrungen bezogen auf die Umwelt werden »Derealisation« genannt (American Psychiatric Association [APA], 2013).
Der vorliegende Beitrag beleuchtet das Phänomen und stellt Forschungswissen, aber auch  Forschungslücken sowie relevante Anwendungsperspektiven zusammen. Depersonalisation wird der Gruppe der dissoziativen Symptome zugeordnet (APA, 2013) und lässt sich klar von Angst und Depression abgrenzen (Michal et al., 2011). Da Depersonalisation und Derealisation in der Regel gemeinsam auftreten und empirische Evidenz für eine Abgrenzung fehlt (Sierra & Berrios, 1998), soll hier lediglich der Begriff »Depersonalisation« verwendet werden. (Für die Einordung der  Depersonalisation in das Konzept der Dissoziation sei auf die ausführliche Darstellung in Priebe, Schmahl und Stiglmayr [2013] verwiesen.)
Besonders Menschen mit Leistungsängsten erleben Leistungssituationen oft als derart bedrohlich, dass sie diesen entfliehen möchten. Eine häufige Reaktion in bedrohlichen Situationen, in denen Flucht oder Kampf unmöglich sind, ist Depersonalisation (Ludwig, 1983; Scaer, 2001; ähnlich der bekannten Freeze-Reaktion). Trotz der Häufigkeit und Relevanz des Phänomens hat es jedoch überraschend wenig Forschungsinteresse ausgelöst: Eine Übersicht über Forschungsbefunde zu Depersonalisation in Leistungssituationen sowie Modelle zur Erklärung der Entstehung und Aufrechterhaltung dieses Phänomens fehlen bislang.
Dabei sind Leistungsängste, wie beispielsweise Prüfungsängste, nicht nur häufig und belastend (unter anderem Zeidner, 1998), sondern auch mit negativen Konsequenzen verbunden:  Studierende mit Prüfungsangst erbringen schlechtere Leistungen, brechen ihr Studium häufiger ab oder bleiben hinter ihren Potenzialen zurück (Cassady & Johnson, 2002; Steinmayr, Crede, McElvany & Wirthwein, 2016). Ferner besteht eine positive Assoziation zwischen Prüfungsangst und Depression (Akinsola & Nwajei, 2013). Die Entwicklung von Interventionen zur Reduktion dieses Angstsyndroms ist daher von großem Nutzen. Um solche Interventionen gezielt planen zu können, ist zunächst ein genaues wissenschaftliches Verständnis des menschlichen Erlebens in Leistungssituationen und der damit verbundenen Prozesse unerlässlich.
Leistungssituationen werden sowohl von verschiedenen Disziplinen der Psychologie als auch von anderen Fachbereichen, wie etwa den Sportwissenschaften und der Pädagogik, erforscht. Dabei sind, meist vollkommen disparat voneinander, Konstrukte entwickelt und untersucht worden, die Ähnlichkeiten und Verbindungen zum Erleben von Depersonalisation aufweisen, namentlich die Phänomene »Flow«, »Choking Under Pressure« und »Ego Depletion«.

  • Flow beschreibt den – positiv konnotierten – Zustand der Absorption bzw. des Aufgehens in der eigenen Tätigkeit und kann zu Veränderungen der Wahrnehmung der eigenen Person, der Zeit und Umgebung führen (Csikszentmihalyi, 1990).
  • In Leistungssituationen, in denen ein hoher Druck verspürt wird, werden oft schlechtere Ergebnisse erbracht, als aufgrund der Trainingsleistung zu erwarten wäre. Dieses Phänomen wird als Choking Under Pressure bezeichnet (Baumeister, 1984). Das Ausmaß der  Zustandsangst während der Bewältigung der Leistungssituation wird als Maß für den erlebten Druck verstanden; es steht oft im negativen Zusammenhang mit der erbrachten Leistung (unter anderem Gucciardi, Longbottom, Jackson & Dimmock, 2010).
  • Englert und Bertrams (2012) konnten zeigen, dass Angst die Leistung jedoch nur im Zustand aufgebrauchter Selbstkontrollkapazität – Ego Depletion genannt (Baumeister, Vohs & Tice, 2007) negativ beeinflusst.

Im vorliegenden Artikel
1. wird der aktuelle Stand der Forschung zu Depersonalisationssymptomen im Kontext von Leistungssituationen dargestellt;
2. wird ein Modell zur Integration von Depersonalisation in psychologische Modelle zum Erleben und Verhalten während Leistungssituationen vorgeschlagen;
3. werden Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Zusammenhänge zwischen den Phänomenen Depersonalisation, Flow, Choking Under Pressure und Ego Depletion hinsichtlich ihrer Definitionen und psychologischen Charakteristiken dargestellt;
4. werden Implikationen für die Praxis und die Forschung erläutert.

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