Die psychologisch-diagnostische Erfassung der häufigsten Verhaltenssüchte

Zusammenfassung
Die psychologische Diagnostik häufiger nicht stoffgebundener Süchte soll durch einen Überblick über etablierte Selbstbeurteilungsverfahren professionalisiert werden. Die  Computerspielabhängigkeitsskala (CSAS) von Rehbein et al. (2015) erfasst die Internet Gaming Disorder nach DSM-5 in der Selbst- und der Fremdbeurteilung. Die Glücksspielskalen für Screening und Verlauf (GSV) von Premper et al. (2013) beinhalten den Kurzfragebogen zum  Glücksspielverhalten (KFG), der eine Schweregradbestimmung ermöglicht. Weiterhin umfassen sie den Schweriner Fragebogen zum Glücksspielen (SFG), der die kognitive und emotionale  Involviertheit in das Spiel, auch in der Abstinenz, bestimmt. Das Screeningverfahren zur Erhebung von kompensatorischem und süchtigem Kaufverhalten (SKSK) von Raab et al. (2005) ermöglicht die Erfassung unangepassten und übermäßigen Kaufverhaltens, das keinen Bezug mehr zum Bedarf hat. Das Arbeitsbezogene Verhaltens und Erlebensmuster (AVEM; Schaarschmidt & Fischer, 2008) soll beim Verdacht auf Arbeitssucht eingesetzt werden. Durch den Einsatz der hier vorgestellten psychologisch-diagnostischen Verfahren können individuell angepasste erste Schritte zur Selbsthilfe bis hin zur psychologischen Psychotherapie vorbereitet werden.

Einleitung
In der psychologischen Praxis begegnen uns immer wieder und vielleicht auch immer mehr  Personen, deren Verhaltensprobleme einen suchtartigen Eindruck erwecken. Gerade junge  Menschen erschließen sich das Internet und die neuen Medien frei und unbefangen und sind sich möglicher Suchtgefahren kaum bewusst. Verhalten wie zum Beispiel Internetgebrauch,  Glücksspielen, exzessives Kaufen oder Arbeiten verwandelt sich im Einzelfall von einer zunächst  angenehmen Tätigkeit in eine »unangepasste, immer wiederkehrende« Verhaltensweise. Diese wird »aufgrund eines […] ›unwiderstehlichen‹ Verlangens, Anreizes oder Impulses, den das Individuum kaum kontrollieren kann«, zu einem so häufigen Verhalten, dass es »in dieser Intensität
der Person und/oder anderen Schaden zufügt« (Mann, Fauth-Bühler, Seiferth, Heinz &  Expertengruppe Verhaltenssüchte der DGPPN, 2013, S. 548). Betroffene zeigen ein  unwiderstehliches Verlangen (Craving), Kontrollverlust, Entzugserscheinungen und  Toleranzentwicklung, vernachlässigen andere Interessen und halten ihr Verhalten trotz schädlicher Folgen aufrecht (Mößle et al., 2014). Bislang ist umstritten, ob suchtartiges Sexualverhalten (Hartmann, Mörsen, Böning & Berner, 2014) sowie Sportsucht (Ziemainz et al., 2013) als  körperbezogene exzessive Verhaltensprobleme zu den nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten gezählt werden sollen oder nicht. Das Problem dabei ist, dass in beiden Fällen das exzessive Verhalten selbst über körpereigene Stoffe (Endorphine) direkt affektregulatorisch auf das endogene
Belohnungssystem wirken kann. Bislang scheint es sinnvoll zu sein, die Sexsucht als  Hypersexualität den sexuellen Störungen zuzurechnen, während die Sportsucht häufig als  sekundäres Phänomen von Essstörungen in Erscheinung tritt (te Wildt, Wölfling & Müller, 2014).
In der internationalen Literatur finden sich zahlreiche Fragebögen zur Selbst- sowie  Fremdbeurteilung, um sexuelle Sucht zu erfassen (Hook, Hook, Davis, Worthington & Penberthy, 2010). Das »Hypersexual Behavior Inventory« (HBI; Reid, Garos & Carpenter, 2011) zur Erfassung
hypersexuellen Erlebens und Verhaltens liegt in einer ersten überprüften deutschen Version vor (Klein, Rettenberger, Boom & Briken, 2014). Allerdings sind bis zur »breiten Anwendung in der klinisch-therapeutischen Einzelfalldiagnostik aktuell noch weitere Forschungsarbeiten notwendig« (Klein et al., 2014, S. 140). Zur Erfassung der Sportsucht finden sich ebenfalls viele verschiedene Fragebögen, denen es aber »an Vergleichbarkeit mangelt« (Breuer & Kleinert, 2009, S. 204), da es noch kein »einheitliches Verständnis des Phänomens Sportsucht« (ebd.) gibt. Die theoriebasierte »Exercise Dependence Scale« (EDS; Hausenblas & Downs, 2002) in ihrer revidierten, das heißt  gekürzten Form (EDS-R; Downs, Hausenblas & Nigg, 2004) mit 21 Fragen wurde bislang in zwei Studien in Deutschland untersucht. Müller et al. (2013) setzten sie in einer  bevölkerungsrepräsentativen Studie ein, während Zeeck et al. (2013) Stichproben von sporttreibenden Studierenden, Leistungssportlerinnen und -sportlern sowie Patientinnen und Patienten mit Essstörungen untersuchten. Beide Studien fanden Belege für die psychometrische Güte der Skala und klassifizierten sie als Screening-Verfahren. Im Folgenden soll ein Überblick über psychologisch-diagnostische Testverfahren zum Assessment der häufigsten
Verhaltenssüchte gegeben werden, um deren psychologische Diagnostik zu professionalisieren. Es wird auf das problematische Internetspielen, das Glücksspielen, das problematische Kaufverhalten sowie das suchtartig entglittene Arbeitsverhalten fokussiert.

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