Bedrohungsmanagement bei Stalking

Zum Umgang mit obsessiver Verfolgung und Belästigung

Der Begriff »Stalking« entstammt der englischen Jagdsprache und bedeutet übersetzt etwa »sich heranpirschen « oder »anschleichen«. Als sozialwissenschaftliches Konzept beschreibt Stalking wiederholtes, als bedrohlich empfundenes Belästigen einer anderen Person gegen deren Willen, beispielsweise durch dauerhafte telefonische, persönliche oder schriftliche Kommunikation, aber auch durch Drohungen, Sachbeschädigungen oder körperliche Angriffe (Hoffmann, 2006). Wenn  man auch leichtere Formen von Stalking berücksichtigt, sind in Deutschland knapp zwölf Prozent der Bevölkerung einmal im Leben betroffen (Dressing, Kühner & Gass, 2006). Dieses spezifische Verhaltensmuster kann auf einer weiteren, tiefer liegenden Ebene durch verschiedene Motive,
Persönlichkeitsstrukturen und Psychopathologien des Stalkenden erklärt werden (Hoffmann & Voß, 2006). Das psychologische Kernmerkmal des Syndroms bildet dabei die pathologische Fixierung auf eine andere Person, die in einer gedanklichen und häufig auch emotionalen Besessenheit Ausdruck findet (Mullen, Pathé & Purcell, 2009; Meloy, Hoffmann, Guldimann & James, 2012). Erstmals in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit kam das Phänomen »Stalking« Ende der 1980er-Jahre in den USA. Dort führten die Ermordung der 21 Jahre alten Schauspielerin Rebecca Schaeffer durch einen obsessiven Fan sowie die Tötung dreier nicht prominenter Frauen nach vorausgehendem Stalking zu einer breiten öffentlichen Diskussion (Meloy, Sheridan & Hoffmann, 2008). Dies löste zahlreiche Forschungsaktivitäten aus, die bis heute anhalten. Es kam zudem zu Stalking- Gesetzgebungsinitiativen, zunächst in den USA, dann aber auch in immer mehr europäischen Ländern, so auch in Deutschland.

Unterschiedliche Dynamiken bei Stalking
Prinzipiell lassen sich Stalking-Vorfälle nach unterschiedlichen Kriterien kategorisieren, zum einen etwa anhand der verschiedenen Motive der obsessiv Verfolgenden, zum anderen durch die  vorhergehende Beziehung zwischen Täterin bzw. Täter und Opfer (Mullen et al., 2009). Beim zurückgewiesenen oder Trennungs-Stalking versucht die fixierte Person, die Beziehung   wiederherzustellen. Dies kann in einigen Fällen auch durch die Ausübung von regelrechtem  Psychoterror geschehen. Das Stalking hilft dann, die eigene Wahrnehmung von Ohnmacht in Macht umzuwandeln. Die oder der beziehungssuchende Stalkende strebt eine persönliche Bindung an, die nicht intimer Natur sein muss, sondern auch in anderen Formen, wie etwa in einer gewünschten Freundschaft oder in einer verehrenden Haltung gegenüber dem Ziel der Fixierung, Ausdruck
finden kann. Beim rachemotivierten Stalking möchten es die Verfolgenden den Betroffenen  heimzahlen, von denen sie glauben, Unrecht erfahren zu haben. Dabei soll das Stalking-Verhalten die Opfer in Angst und Schrecken versetzen und somit leiden lassen. Wahnhafte oder psychotische Stalkende glauben, dass zwischen ihnen und ihren Opfern eine Beziehung besteht, obgleich diese zumindest in der angenommenen Form nicht vorhanden ist. Ursache hierfür ist eine psychotische Erkrankung, wie beispielsweise die Erotomanie, also ein Liebeswahn. Aber auch andere Wahninhalte können eine Rolle spielen, wie etwa die Vorstellung, dass eine prominente Personen der oder dem Stalkenden über die Medien geheime Zeichen zukommen lässt.Ein Macht- und Dominanz-Motiv findet sich bei psychopathischen Stalkenden, die Befriedigung daraus ziehen, ihre Opfer zu erniedrigen und in Angst zu versetzen.

Auswirkungen von Stalking
Die Folgen obsessiver Verfolgung sind für die Betroffenen häufig dramatisch und nicht selten sogar  gesundheitsschädigend. Laut der Darmstädter Stalking-Studie (Hoffmann & Voß, 2006) litt fast ausnahmslos jede bzw. jeder Betroffene unter Angst, welche in zwei Dritteln der Fälle sogar panikartig bzw. extrem stark ausgeprägt war. Auch nach Ende des Stalkings beeinträchtige Angst
nicht selten noch das Leben der Betroffenen: Etwa jedes vierte Opfer berichtete, dass starke Angstzustände noch immer häufig auftraten. Stalking zu erleben, führte in vielen Fällen auch zu Veränderungen im Umgang mit anderen Menschen, ein Umstand, den viele Betroffene als  schmerzhaft empfanden (Dressing et al., 2006). Beispielsweise trat ein plötzliches Misstrauen gegenüber Fremden auf, manchmal aber auch gegenüber Bekannten oder gar Freundinnen
und Freunden. Viele Betroffene schilderten zudem, dass sie sich aus dem sozialen Leben völlig zurückzogen hatten, gewohnten Freizeitbeschäftigungen nicht mehr nachgingen oder sich zu Hause verbarrikadierten. Dies geschah zum einen, um der Gefahr einer Begegnung mit der Stalkerin oder dem Stalker aus dem Weg zu gehen, zum anderen aber auch, weil es die psychische Verfassung schlichtweg nicht mehr ermöglichte, sich in das soziale Leben zu begeben. Viele berichteten, dass das Stalking Probleme in ihrer aktuellen Partnerschaft verursachte. Vielfach begann das Thema die Beziehung regelrecht zu überlagern, die Partnerin oder der Partner
fühlte sich ohnmächtig und gedemütigt oder eine fortwährende psychische Belastung des Opfers beeinträchtigte das emotionale Klima der Beziehung. Hierbei ist hervorzuheben, dass  Therapeutinnen und Therapeuten sowie andere Fachpersonen in psychosozialen Berufen gehäuft von Stalking betroffen sind. Unterstützung und professionelles Interesse am anderen werden
von stalkingaffinen Menschen anders interpretiert, nämlich im Sinne einer persönlichen Nähe und Beziehung. Dies kann zu anhänglichem Verhalten, aber auch zu Wut und Aggression bis hin zu massivem Stalking führen. Wichtig für Vertreterinnen und Vertreter von helfenden Berufen ist es, bei übergriffigem Verhalten klar eine Grenze zu ziehen. Es empfiehlt sich, wenn man mit stalkenden Menschen zu tun hat, zudem, die private Adresse und Telefonnummer unbedingt vertraulich zu halten.

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