Die Lebenszufriedenheit von Langzeitarbeitslosen in Deutschland

Zusammenfassung
Die Lebenszufriedenheit als zusammenfassende Bewertung aller Aspekte des eigenen Lebens ist für das
menschliche Wohlbefinden besonders wichtig. Empirische Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich
Arbeitslosigkeit, insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit, stark negativ auf die allgemeine Lebenszufriedenheit eines Individuums auswirkt. Dieser Zusammenhang wurde in der vorliegenden Längsschnittstudie überprüft. Zu diesem Zweck wurden 102 Probandinnen und Probanden befragt, die gemäß SGB III als langzeitarbeitslos gelten, und mit Berufstätigen mit vergleichbaren soziodemografischen Kennwerten verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Lebenszufriedenheit von Langzeitarbeitslosen unter dem Durchschnitt von Berufstätigen liegt, sich aber mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit erhöht. Einschränkungen und praktische Implikationen sowie Limitationen der Untersuchung werden diskutiert.

Einleitung
Arbeitslosigkeit stellt ein wichtiges gesellschaftliches Thema dar. Der Schritt in die Arbeitslosigkeit hat für einen Menschen generell kritische Bedeutung und wirkt sich negativ auf fast alle Aspekte des Lebens aus (Abraham, Haltiwanger, Sandusky & Spletzer, 2016; Bacher, 2001; Goldberg et al., 2001; Kieselbach, 1994; Kieselbach & Traiser, 2004; McKee-Ryan, Song, Wanberg & Kinicki, 2005; Paul & Moser, 2007, 2009). Laut Internationaler Arbeitsorganisation (International Labour Organization, ILO) gilt eine Person als langzeitarbeitslos, wenn sie über den Zeitraum eines Jahres oder länger keiner Erwerbstätigkeit nachging, obwohl sie für eine Anstellung verfügbar oder aktiv auf Jobsuche war (ILO, 2016). Diese Definition umfasst dabei sowohl unfreiwillig als auch freiwillig arbeitslose Personen.
Im Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit von November 2017 betrug die Zahl der Langzeitarbeitslosen 862.000, das entspricht einem Anteil von 36,4 Prozent aller Arbeitslosen. Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem sich die Langzeitarbeitslosenquote seit dem Vorkrisenjahr 2008 verringert hat. Langzeitarbeitslose profitierten jedoch nur unterdurchschnittlich von der positiven Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland (Schwarzwälder & Düll, 2016). Da sich mit zunehmender Dauer die Wahrscheinlichkeit der Wiederbeschäftigung reduziert und die negativen psychischen und sozialen Konsequenzen zunehmen,
sollte Langzeitarbeitslosen mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden (Berth, Förster, Stöbel-Richter, Balck & Brähler, 2006). Stärker als eine kurzzeitige Arbeitslosigkeit löst Langzeitarbeitslosigkeit entmutigende Effekte bezüglich beruflicher Reintegration aus (Fuchs & Weber, 2015). Die weiteren Folgen für den emotionalen Zustand und die psychische Gesundheit sind oft so dramatisch, dass unter anderem das Suizidrisiko stark ansteigt (Dooley, Fielding & Levi, 1996; Milner, Page & LaMontagne, 2013). Diese negativen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit werden durch das Fehlen der latenten Funktionen der
Erwerbstätigkeit, wozu beispielsweise die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit gehört, sowie damit einhergehende Gefühle von Kontrollverlust und Ziellosigkeit begründet (Jahoda, 1982; Semmer & Udris, 2004; Warr, 2007). Zwar betonen Fryer und Payne (1984), dass auch Personen ohne Arbeit aktiv planende und handelnde Menschen sind, deren Zufriedenheit nicht ausschließlich von der Erwerbstätigkeit abhängt, dennoch konnten inzwischen viele Studien nachweisen, dass Arbeitslosigkeit
einen negativen Einfluss auf psychische und physische Gesundheit sowie kognitive Fähigkeiten hat (Ala-Mursula et al., 2013; Brenner, 1976; Brinkmann, 1984; Haid & Seiffge-Krenke, 2013; Kieselbach & Beelmann, 2006; McKee-Ryan & Kinicki, 2002; Paul & Moser, 2009; Wildfang & Leue, 2014). Es zeigen sich bei Arbeitsuchenden neben erhöhter Depressivität Angstsymptome, unspezifische Störungssymptome, eine vermehrte Chronifizierung von Krankheiten, ein erhöhter Alkohol- und
Nikotinkonsum, Ein- und Durchschlafstörungen, eine Verschlechterung sozialer Bindungen und ein verringertes Selbstwertgefühl (Berth et al., 2006; Limm et al., 2012; Paul & Moser, 2007, 2009).
Neben den gesundheitsschädlichen Folgen zeigt sich zudem eine Veränderung im Verhalten vieler langzeitarbeitsloser Menschen. Sie empfinden ihren Zustand als persönliches Versagen und ziehen sich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, was zu einem Einbruch der Sozialkontakte führt (Kieselbach & Beelmann, 2006; Kieselbach & Traiser, 2004). Dabei sind nicht nur außerfamiliäre Kontakte, sondern auch die Beziehungen innerhalb der Familie betroffen (Warr & Jackson, 1985).
Da Arbeitslosigkeit das Armutsrisiko erhöht und Armut wiederum die berufliche Reintegration erschwert,
entsteht häufig eine Abwärtsspirale (Gallie, Paugam & Jacobs, 2003). Langzeitarbeitslosigkeit ist letztlich ein gesellschaftliches Problem, da negative Effekte auf das Wohlbefinden der Gesamtbevölkerung resultieren und auch Personen, die zum Umkreis der Langzeitarbeitslosen gehören, tangiert werden (Luechinger, Meier & Stutzer, 2010; Luhmann, Weiss, Hosoya & Eid, 2014).

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