Antrags- und Gutachterverfahren

Erste Eindrücke nach der Richtlinien-Reform

Am 1. April 2017 traten die neuen Psychotherapie-Richtlinien in Kraft. Im Vorfeld der umfassenden Reform der seit 1967 immer wieder erneuerten Richtlinien kam es zu umfangreichen und kontrovers diskutierten Änderungen. Inzwischen ist über ein Jahr vergangen. Dies wollen wir zum Anlass nehmen, einige Eindrücke aus der Praxis zu den Veränderungen aus supervisorischer, therapeutischer und gutachterlicher Perspektive wiederzugeben. Der Schwerpunkt unserer Betrachtung liegt dabei auf dem Antrags- und Gutachterverfahren.

1. Teilbefürwortungen
Einer der strittigsten Punkte im Zuge der Reform dürfte im Gutachterverfahren in der Frage der »Teilbefürwortungen« (sogenannte »Kürzungen«) zu sehen sein. Da es seit der Reform im Ermessen der Krankenkasse liegt, ob Fortführungsanträge berichtspflichtig sind, bekommen die Psychotherapie-Gutachterinnen und -Gutachter problematische Fälle eventuell nur einmal mit dem Erst- bzw. Umwandlungsbericht vorgelegt. Es wurde gemutmaßt, dass die Gutachterinnen und Gutachter aus
diesem Grund nach der Reform viel eher geneigt seien, Teilbefürwortungen auszusprechen. Auf diesem Wege sollte dann bei problematischen Fällen eine erneute Begutachtung bei der Fortführung einer ambulanten Psychotherapie nahegelegt werden. Genau das aber widerspricht dem Geist der Reform, die dem Versorgungsstrukturgesetz folgend eine Entbürokratisierung des Gutachterverfahrens anstrebt. So richtete sich auch ein berechtigter und lautstarker Protest der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gegen eine vermutete Ausweitung dieser Teilbefürwortungen. Für die Gutachterinnen und Gutachter sind – wie für alle an der Psychotherapie Beteiligten – die Psychotherapie-Richtlinien als untergesetzliche Norm und die Psychotherapie-Vereinbarung als Vertragsrahmen bindend. Das bedeutet auch, dass für die Auslegung dieser Regelwerke für die Gutachterinnen und Gutachter der »Faber/Haarstrick-Kommentar Psychotherapie-Richtlinien « (Dieckmann, Dahm & Neher, 2018) einen Orientierungspunkt darstellt. In der neuesten, elften Ausgabe des »Faber/Haarstrick-Kommentars« ist auf diese Kritik an den Teilbefürwortungen insofern eingegangen worden, als dass erläutert wurde, dass Teilbefürwortungen nur im Ausnahmefall und nicht in zu kleinen Abschnitten ausgesprochen werden sollten (Dieckmann et al., 2018, S. 83). Stattdessen solle die Gutachterin bzw. der Gutachter im Zweifelsfalle lieber eine Vollablehnung erwägen, damit im Obergutachterverfahren ein neuer und unvoreingenommener Blick auf die Fallkonzeption geworfen und die Therapie dann gegebenenfalls im vollen Umfang bewilligt werden könne. Diese Idee war sicher nicht im Sinne derjenigen Therapeutinnen
und Therapeuten, die sich gegen Teilbefürwortungen zur Wehr gesetzt hatten. Das  Obergutachterverfahren ist der letzte Schritt vor einer sozialrechtlichen Klage, die für alle Beteiligten ungünstig ist. Vor allem aber war mit der »alten« Praxis der Teilbefürwortung für die Patientinnen und Patienten der Vorteil verbunden, dass ihre psychotherapeutische Behandlung nicht unterbrochen bzw. unnötig verzögert wurde. So entsteht der Eindruck, dass den Betroffenen mit der oben genannten
neuen Empfehlung eher ein Bärendienst erwiesen wird, wenn die Teilbefürwortungen nun gegen Vollablehnungen eingetauscht würden.

Lesen Sie den gesamten Artikel in unserer September-Ausgabe.

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