Megaloblastic Madness

Somatopsychische Erkrankungen

Ein Fall von Megaloblastic Madness
Eine 34-jährige Frau wurde mit Symptomen einer schweren psychischen Störung in das Middlesex-Hospital in London eingeliefert. Dr. A. D. Smith, der ihren Fall später unter dem Pseudonym »Case-3« publizierte, berichtete, dass die Frau sich über ein Gefühl von »Strom in ihren Gliedmaßen« und eine brennende Zunge beklagte. Am Abend zuvor hatte sie versucht, sich selbst zu ertränken. Es stellte sich heraus, dass »Case-3« sich schon seit mehreren Monaten sonderbar benommen und geweigert hatte, das Haus zu verlassen. Die Patientin war überzeugt, dass sie übermäßig roch, und warnte ihre Kinder konsequent vor Essen, selbst dann, wenn sie die Mahlzeiten selbst zubereitet hatte. Zufällige Ereignisse
bezog sie auf sich; sie hatte akustische Halluzinationen, war jedoch nicht in der Lage, eine kohärente Darstellung der Stimmen zu geben. Bei der Untersuchung war sie aufgeregt und weinerlich und zeigte so starke psychische Störungen, dass sie in eine geschlossene psychiatrische Anstalt verlegt werden musste. Ihre Stieftochter berichtete, dass die Patientin schon im Alter von 22 Jahren ergraut und in den letzten Wochen mehrmals in Ohnmacht gefallen sei. Worunter litt diese Frau? In der Klinik wurde eine Depression mit psychotischen Anteilen diagnostiziert, was besser klingt als die auch denkbare paranoide Schizophrenie. Unter anderem führte man eine Heilkrampftherapie durch. Infolge der Behandlungen schien es der Patientin zunächst etwas besser zu gehen, aber einen Monat später klagte sie erneut über Schwindel, Kopfschmerzen und allgemeines Unwohlsein. Leitsymptome waren nicht zwangsläufig die psychotisch anmutenden Störungen, sondern eher die häufigen Ohnmachten, der Schwindel und das Brennen auf der Zunge. In weiteren Untersuchungen stellten die behandelnden Ärztinnen und Ärzte nun fest, dass die Patientin hochgradig anämisch war und nur noch einen Hämoglobinwert von knapp 28 Prozent hatte. Durch intramuskuläre Spritzen mit Vitamin B12 verbesserte sich der Geisteszustand der Patientin rasch, und – abgesehen von einigen hypochondrischen Angstzuständen – war sie laut Bericht von Dr. A. D. Smith bei Nachuntersuchungen auch fünf Jahre später noch vollständig gesund.

Der im Fallbeispiel beschriebene Zustand wurde früher als »Morbus Biermer« oder »Addinson-Anämie«
bezeichnet. Heute spricht man bei schwerer Ausprägung der psychiatrischen Symptome von »Megaloblastic Madness«. Megaloblasten sind übergroße kernhaltige Vorstufen von roten Blutkörperchen.

Entstehung von Megaloblasten
Aus den blutbildenden Stammzellen im Knochenmark entstehen Vorstufen unserer roten Blutkörperchen: die Erythroblasten. Im Normalfall entwickeln sich daraus kernlose Erythrozyten, die Hämoglobin beinhalten, also in der Lage sind, Sauerstoff zu binden und zu den Zellen im Körper zu befördern. Übergroße Erythroblasten – »Megaloblasten« – entstehen insbesondere durch Mangel an Folsäure oder Vitamin B12 und führen zu solch schwer auszusprechenden Krankheiten wie der
»perniziösen Anämie« und der »funikulären Myelose«.

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