Raus aus dem Hamsterrad – Perfektionistische Ansprüche hinterfragen

Interview mit Dr. Christine Altstötter-Gleich

Eine Metaanalyse zum Thema »Perfektionismus« hat die Daten von mehr als 41.000 Studierenden aus den USA, Kanada und Großbritannien ausgewertet, die zwischen den 1980er-Jahren und 2016 erhoben wurden. Dabei wurden drei Facetten von Perfektionismus betrachtet: der Wunsch, möglichst perfekt zu sein, der erlebte Druck von außen sowie die eigenen unrealistischen Erwartungen an andere. Es zeigte sich, dass heute in allen drei Formen von Perfektionismus höhere Werte erzielt werden: Insgesamt stiegen zwischen 1989 und 2016 der erlebte soziale Druck um 33 Prozent, das Streben nach eigener Perfektion um zehn Prozent und die unrealistischen Erwartungen an andere um 16 Prozent. Dr. Christine Altstötter-Gleich kommentiert im Interview mit »report psychologie« die Befunde.

Die betreffende Metaanalyse stützt sich auf US-amerikanische, kanadische, britische Daten. Kann man die Ergebnisse dann überhaupt verallgemeinern?
Ich denke nicht, dass wir in den westlichen individualistischen Kulturen und Leistungsgesellschaften mit großen Unterschieden rechnen müssen. Zudem wurde mit Stichproben von Studierenden gearbeitet. Wir können sicher davon ausgehen, dass durch die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge auch in Deutschland der wahrgenommene Leistungsdruck gestiegen ist. Es gibt generell mehr Prüfungen, und die »universitäre Sozialisation« ist in zwei Studiengänge aufgebrochen, was mit der Notwendigkeit einhergeht, sich neu zu orientieren und zu bewerben – mit möglichst guten Noten. Damit erhöht sich die Relevanz von perfektionistischen Persönlichkeitszügen.

Letztendlich sind die Konsequenzen, wenn man die Leistung nicht erbringt, durch die Veränderungen der Studienlandschaft drastischer geworden.
Ja, und damit gehen die entsprechenden perfektionistischen Bedenken einher, die Angst zu versagen. Gleichzeitig beobachten wir neue Selbstdarstellungstendenzen im Internet, den Fokus darauf, wie ich ausschaue, wie viele Follower ich habe, wie viele Likes usw. Damit ist vielleicht tatsächlich auch ein ganz neues Konkurrenzfeld dazugekommen.

Sehen Sie den Anstieg der Perfektionismuswerte als etwas Problematisches an?
Ich denke, das, was beobachtet wurde, ist nicht auf das Studium begrenzt. In Deutschland gibt es insgesamt einen Anstieg stressbedingter psychischer Erkrankungen, das mahnen die Krankenkassen Jahr für Jahr an. Und da ist die Verbindung zum (dysfunktionalen) Perfektionismus
einfach gegeben: Perfektionistische Bedenken sind als Vulnerabilitätsfaktor eng verknüpft mit Erkrankungsbildern wie Burnout und Depression, aber auch mit sozialen Ängsten, die ebenso im Ansteigen begriffen sind.

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