Der Sinn für Gerechtigkeit

Unter der Leitung von Prof. Dr. Rebecca Bondü startete im Januar 2019 ein neues, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Forschungsprojekt zur Ungerechtigkeitssensibilität im Kindes- und Jugendalter an der Psychologischen Hochschule Berlin. Im Interview erläutert die Professorin das komplizierte Konstrukt.

Was ist genau ist das eigentlich – Ungerechtigkeitssensibilität?

Menschen unterscheiden sich darin, wie leicht sie Ungerechtigkeiten wahrnehmen und wie stark sie darauf reagieren. Diese dispositionellen Unterschiede zeigen sich nicht nur in der direkten emotionalen, kognitiven und verhaltensbasierten Reaktion, sondern auch in der Motivation, Gerechtigkeit herzustellen, sowie daran, wie häufig man sich an ungerechte Erlebnisse erinnert oder wie unwillkürlich eindringlich Gedanken daran sind.

Geht es dabei vor allem um Menschen, die Opfer einer Ungerechtigkeit wurden?

Nein, Opfersensibilität ist nur eine von vier Facetten, die wir betrachten. Da Ungerechtigkeit aus vier Perspektiven wahrgenommen werden kann, unterscheiden wir Opfer-, Täter-, Beobachter- und Nutznießersensibilität. Das macht es kompliziert, denn: Ja, es gibt ein Interesse an Gerechtigkeit, und das scheint allen gemein zu sein, aber es gibt auch wichtige Unterschiede. Hoch Opfersensible sind egoistisch interessiert an Gerechtigkeit, während die anderen drei Perspektiven altruistisch

orientiert sind. Daher müssen die Erklärungen dafür, warum jemand mehr oder weniger an Gerechtigkeit interessiert ist, für die verschiedenen Perspektiven andere sein, ebenso wie die Effekte auf das Verhalten andere sind.


Das heißt, Ungerechtigkeitssensibilität kann sich sehr unterschiedlich äußern?

Richtig, wir können nicht einfach sagen: Diese Person ist ungerechtigkeitssensibel. Wir müssen immer die Perspektive mitdenken. Das ist der erste komplizierte Punkt. Der zweite ist, dass die Bezeichnungen zum Teil etwas kontraintuitiv sind: »Opfersensibel« etwa heißt ja, dass jemand sensibel dafür ist, Opfer zu werden. Die betreffende Person fühlt sich also häufig als Opfer. Das führt aber dazu, dass sie aus dem daraus resultierenden Ärger heraus zum Beispiel auch selbst ungerecht agieren kann.

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