Mit Psychologie die Hebel zum Umweltschutz verstehen und fördern

»Realisten mögen sich vielleicht gut an existierende Realitäten anpassen. Aber diejenigen mit einer hartnäckigen Selbstwirksamkeit haben die Chance, diese Realitäten zu verändern.« (Albert Bandura, 1995)

Wie kann ich mich selbst und andere dazu motivieren, nachhaltiger zu leben? Wie können wir allein und in Gemeinschaft etwas bewirken? Diese Fragen treiben mittlerweile Menschen aus allen erdenklichen Richtungen um. Ob in Nichtregierungsorganisationen (NGOs), in Wirtschaftsunternehmen oder in psychotherapeutischen Praxen – überall scheint der Wunsch zu wachsen, das eigene Leben nachhaltiger zu gestalten und auch im Freundeskreis oder Kollegium Umweltbewusstsein anzuregen. Im Angesicht des menschengemachten Klimawandels mit verheerenden Folgen für Biodiversität und unser gesellschaftliches Zusammenleben ist dieses Anliegen sehr verständlich (siehe Rockström et al., 2009). Häufig schließt sich direkt ein zweiter Wunsch an: Viele umweltschutzorientierte Menschen möchten gern mehr Sicherheit und Struktur erlangen, um sich selbst und andere zu motivieren. An dieser Stelle kommt die Psychologie, insbesondere die Umweltpsychologie, ins Spiel.


Umweltpsychologie als Forschungsfeld
Die Umweltpsychologie ist ein vergleichsweise junges Anwendungsgebiet der Psychologie, das angesichts immer stärker spürbarer sozialer und ökologischer Herausforderungen als umweltschutzorientierte Psychologie wächst. Die klassische Umweltpsychologie befasst sich mit jeglicher Form der Mensch-Umwelt-Interaktion. So fallen darunter zum Beispiel auch die  Architekturpsychologie und die psychologische Betrachtung von Mensch-Maschine-Interaktionen. In die Umweltschutzpsychologie wiederum haben viele Erkenntnisse aus anderen psychologischen Disziplinen (wie Sozial- oder Persönlichkeitspsychologie) Eingang erhalten, die für den Kontext des Umweltschutzes adaptiert und weiterentwickelt wurden. Die Umweltschutzpsychologie leistet dabei einen Beitrag zum Verständnis komplexer Mensch-Umwelt-Interaktionen. Dieses ist wichtig, um die Gesellschaft zu verstehen und Wandlungsprozesse anzustoßen.


Wie können wir umweltschützendes Verhalten verstehen?
Aus einer Idee wurde ein Text, dann eine Crowdfunding- Kampagne und später das Handbuch »Psychologie im Umweltschutz« (Hamann, Baumann & Löschinger, 2016). Dieses erklärt theoretisches umweltpsychologisches Wissen über individuelle Verhaltensänderung praxisnah und beispielhaft. Die Inhalte des Buches geben eine Orientierung für die nachfolgende Darstellung zur Psychologie der individuellen Verhaltensänderung. Wie von Matthies (2005) vorgeschlagen, bietet sich für den Umweltschutz eine Verknüpfung zweier Theorien an: des Norm-Aktivations-Modells (Schwartz & Howard, 1981) und der Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen, 1991). Das Norm-Aktivations-Modell betrachtet vor allem eine persönliche ökologische Norm. Sie ist eine Art innerer Kompass, der unser Handeln in eine mehr oder weniger nachhaltige Richtung bewegt. Die persönliche ökologische Norm setzt sich zusammen aus Problembewusstsein, Verantwortungsgefühl und individueller Selbstwirksamkeit. Im Beispiel gesprochen sind Grundlagen für eine umweltschützende Mobilität das Wissen über die negativen Folgen von privaten Autofahrten (zum Beispiel CO2-Emissionen oder in die Umwelt gelangendes Mikroplastik durch Abrieb der Autoreifen), ein Gefühl der Verantwortung für das eigene Mobilitätsverhalten und die Überzeugung, dass es einen Unterschied machen kann, wenn man selbst dreimal in der Woche auf das Auto verzichtet und stattdessen mit dem Rad fährt. Die Theorie des geplanten Verhaltens liefert wiederum wichtige weitere Modellelemente wie soziale Normen sowie (Verhaltens-)Kosten und Nutzen. Es sind beispielsweise der enge Freundeskreis und die  Verwandtschaft, die mit ihrer Meinung zum Fahrradfahren und ihrem Mobilitätsverhalten das eigene Handeln maßgeblich beeinflussen. Der soziale Einfluss gilt ebenfalls für fremde Personen, die sich im physischen Umfeld befinden (siehe Cialdini, Reno & Kallgren, 1990). Wie viele Fahrräder etwa auf dem Parkplatz vor der Arbeitsstelle stehen, beeinflusst auch die eigene Mobilitätswahl. Die Theorie des geplanten Verhaltens hebt außerdem hervor, dass Intentionen nicht automatisch zu Verhalten führen –eine Erkenntnis, die im Umweltschutz essenziell ist und wohl so manche umweltengagierte Person schon in den Wahnsinn getrieben hat, weil auf eine Einstellungsänderung keine Verhaltensänderung folgte. Weitere relevante Elemente eines Modells zur individuellen Verhaltensänderung sind Gewohnheiten sowie Emotionen.

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