Im Tal der Tränen

Was ist nach der Rundumablehnung der Humanistischen Psychotherapie durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie zu tun?

Wie kam es zur aktuell kritischen Situation?
Am 11. Dezember 2017 lehnte der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP)1 den Antrag der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT) auf Anerkennung der Humanistischen Psychotherapie (HPTh) als wissenschaftlich fundiertes Therapieverfahren ab. Dutzende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kritisierten diesen Beschluss. Am 11. Juni 2018 hat der WBP nun auch die Gestalttherapie als Einzelkonzept abgelehnt. Schlimm genug. Unglaublich aber ist, dass der Beirat im erstgenannten Entscheid der Gesprächspsychotherapie (GT) die Anerkennung, die bereits 2002 erteilt worden war, wieder entzog. Der Skandal besteht darin, dass er dies ohne Auftrag tat. Damit wird die Situation für die GT noch prekärer, und die Chancen für eine Kassenzulassung werden noch geringer. Man erinnere sich: Für diesen zweiten Schritt ist der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) zuständig. Dieser hatte schon vor Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) der Psychodynamischen Psychotherapie (PP), also analytischer und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, und der Verhaltenstherapie (VT) seinen Segen gegeben. Sogenannte »neue Verfahren« mussten danach beim GBA die Kassenzulassung beantragen. Obwohl vor Inkrafttreten des PsychThG in Deutschland etwa 50 Prozent der Psychotherapien in GT stattfanden, zählt diese in der Nomenklatur der erwähnten Gremien als »neu«. Schon das entbehrt nicht einer gewissen Skurrilität. Mehr noch: Der GBA hat der GT wiederholt die Kassenzulassung verweigert. Mit der Zurücknahme der wissenschaftlichen Anerkennung durch den WBP ist möglicherweise auch die Approbation in GT gefährdet (in Zuständigkeit der Bundes-länder) – ein Rückfall weit zurück hinter die Situation vor dem PsychThG.

Blick auf die Entscheidungsphilosophie des WBP
Betrachtet man die zusammenfassenden Beurteilungen des WBP, kann man sich des Eindrucks der Willkürlichkeit kaum erwehren. Zum einen definiert er als »wissenschaftlich fundiert« nur, was in randomisierten, kontrollierten Studien (RCT-Studien) bei verschiedenen Störungsbildern Erfolg gezeigt hat. Wissenschaftlich arbeitende Kolleginnen und Kollegen nehmen daran Anstoß, dass er dabei, sagen wir »individuell«, über die Güte der eingereichten Studien urteilt. Nicht zum ersten Mal wird darüber hinaus kritisiert, dass RCT-Studien – als »Goldstandard« der evidenzbasierten Medizin – dem realen Geschehen in der Psychotherapie nicht angemessen sind. Die für ein solches Studiendesign nötige Selektion von Probandinnen und Probanden und die Elimination von idiosynkratischen Aspekten, Komorbiditäten und weiteren Rahmenbedingungen filtern gerade die Variationen heraus, mit denen wir es in der täglichen Praxis zu tun haben. Man zerlegt den Untersuchungsgegenstand in überprüfbare Einzelbestandteile. Aber, salopp gesagt, nicht die Depression – als Diagnosebeispiel – stellt die Herausforderung dar, sondern der Mensch, der sich in seiner persönlichen Lebenssituation und -geschichte in einer depressiven Verfassung befindet. Zum anderen kann man den WBP auch an seinen eigenen Beurteilungen messen. In den Zusammenfassungen seiner Begutachtung formuliert er bezüglich der HPTh, der PP und der VT (auszugsweise) folgendermaßen:

»Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie kommt daher zu dem Schluss, dass es sich bei der Humanistischen Psychotherapie um eine übergeordnete psychotherapeutische Grundorientierung handelt, die im internationalen Schrifttum repräsentiert ist. Diese Grundorientierung erfüllt – wie zuvor dargelegt – einige Kriterien des Methodenpapiers des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie für die Einstufung als Psychotherapieverfahren. Jedoch weder die theoretischen Modelle zur Entstehung von psychischen Erkrankungen noch die Ausführungen über die Theorie der Veränderung und die daraus abgeleiteten Behandlungstechniken können im Sinne des Methodenpapiers als konsistent betrachtet werden. Algorithmen zur differenziellen Indikationsstellung für den Einsatz bestimmter Ansätze und Techniken sowie die Umsetzung eines die zehn beantragten  psychotherapeutischen Ansätze integrierenden Curriculums in der Aus-, Fort- und Weiterbildung fehlen. Die abschließende Beurteilung aller Kriterien erlaubt es somit nicht, von der Humanistischen Psychotherapie als von einem Psychotherapieverfahren im Sinne des Methodenpapiers des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie zu sprechen.«

»Die PP verfügt über ein elaboriertes Theoriegebäude, sowohl im Hinblick auf Theorien zur menschlichen Entwicklung als auch zur Entstehung von psychischen Störungen und ihrer Behandlung. Die psychoanalytische Theorieentwicklung ist gekennzeichnet durch einen stetigen Wandel bzw. eine ständige (Weiter-)Entwicklung. Bei der Vielzahl von Theorien zur Erklärung ein und desselben Phänomens sind Widersprüche zwischen den Erklärungsansätzen nicht ausgeblieben. Manche Theorien wurden durch die Forschung widerlegt, andere als unbeweisbar beiseitegelegt und wiederum andere bestätigt. Verstärkt sind auch in den letzten Jahrzehnten theoretische Konzepte für bestimmte Störungen, zum Beispiel für Persönlichkeitsstörungen, entwickelt worden, die sich in Modifikationen der klassischen Behandlungstechnik niedergeschlagen haben. [...] Angesichts der Vielfalt der Methoden und Techniken der PP darf sich die Aus- bzw. Weiterbildung in diesem Verfahren nicht auf einzelne Methoden, Techniken oder Anwendungsbereiche beschränken.«

»Die Verhaltenstherapie versteht sich als Anwendung der empirischen-experimentellen Psychologie und ihrer Nachbardisziplinen. Insofern lässt sich keine abgeschlossene und homogene theoretische Grundlegung der Verhaltenstherapie konstatieren, da sie grundsätzlich alle Methoden, die empirisch gestützt sind, in ihr Grundverständnis einbezieht. Die klassische Verhaltenstherapie stützte sich auf die klassischen Lerntheorien und später dann auf die soziale Lerntheorie von Bandura. Mit der kognitiven Wende wurden verstärkt kognitive Theorien genutzt und kognitive Interventionen eingesetzt. Insofern wird heute vielfach der Begriff kognitiv-behaviorale Therapie anstatt Verhaltenstherapie benutzt. Heute sind die Theorien und Modelle zu den einzelnen Störungen die wesentliche Grundlage für die Entwicklung und Erklärung der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden und Programme.«

Manche dieser Sätze könnte man zwischen den einzelnen Texten einfach austauschen. Was dem einen Verfahren als Manko angerechnet wird, führt beim anderen zu wohlwollendem Verständnis. Allzu sehr verwundern muss das nicht, ist der WBP doch von Anfang an fast nur mit Vertreterinnen und Vertretern der Richtlinienverfahren besetzt gewesen. Können diese überhaupt ein realistisches Verständnis für Verfahren mit einer anderen Orientierung gewinnen? Können Hochschullehrerinnen und -lehrer für VT und ohne Ausbildung in GT oder Gestalttherapie wirklich verstehen, was gemeint ist, wenn wir davon sprechen, dass die psychotherapeutische Beziehung das eigentliche Agens ist, dass wir »in der Beziehung« arbeiten und dass das etwas anderes ist als der Beziehungsaufbau als simple, ja banale, selbstverständliche Voraussetzung jeder Art von Psychotherapie?

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