Soziale Traumatisierung und Fantasien von Bürgerkrieg

Studie in der Altmark offenbart schwer auszuräumende Entfremdung in allen Generationen

2014 begann an der Hochschule Magdeburg-Stendal die Arbeit an einer Studie über politisches Engagement in der Region. Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor, über die »report psychologie« mit dem Leiter der Studie, Prof. Dr. Thomas Kliche, gesprochen hat.

Was waren Ihre Beweggründe, sich diesem Thema zuzuwenden?

Wir haben 2014, also vor dem Anstieg der Flüchtlingszahlen, mit unseren Untersuchungen begonnen und uns auf die Altmark konzentriert, eine der strukturschwächsten Regionen in Deutschland mit Kinderarmut und Hartz-IV-Abhängigkeit auf Rekordniveau. Die Statistiken zeigen: In Ostdeutschland sind nur etwa halb so viele Menschen in Vereinen, Verbänden und Parteien organisiert, weshalb selbst sozial tragende Vereine wie die Feuerwehr unter Nachwuchsmangel leiden. Das gilt auch für diese Region. In manchen Stadtteilen geht niemand zur Blutspende, Stadtteilbüros bleiben leer, Passivität herrscht vor. Wir wollten dieses gesellschaftliche Klima eingrenzen und mehr über die Ursachen herausfinden. Dazu wurden bisher 120 Leitfadeninterviews von ein bis zwei Stunden Dauer geführt. Weitere kommen hinzu, weil wir die Stichprobe ergänzen.


Haben Sie Fördermittel erhalten?

Das Projekt wurde weitgehend aus Honoraren und Mitteln der Professur finanziert. Es war mir wichtig, unabhängig zu sein. Auftraggebende wie Ministerien oder große Stiftungen möchten gern spektakuläre Ergebnisse mit einer bestimmten Richtung, und man muss das Vorgehen vorab eng festlegen. Ich wollte mit meinem Team nicht unter Erwartungs- und Zeitdruck geraten.

Welche Rolle spielte der prozentual auffällig hohe Anteil von AfD-Wählenden in der Region?

Die Partei hat in Sachsen-Anhalt einen Wählerinnen und Wähleranteil von 25 Prozent, in einigen Breiten sogar bis 33 Prozent. Wir haben trotzdem nicht speziell nach AfD-Wählenden gesucht, sondern eine große Vielfalt an Menschen befragt, sowohl in Bezug auf Alter und Geschlecht als auch hinsichtlich der Bildung, des Einkommens und der gesellschaftlichen Stellung. So können wir unterschiedliche Lebensmilieus abbilden. Außerdem: Es sind nach unseren Erkenntnissen recht ungleiche Teilgruppen, die AfD wählen. Wir finden mindestens vier – mit teilweise unterschiedlichen Haltungen. 


Gab es, obwohl diese Studie ja nicht die erste unter ehemaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürgern ist, überraschende Ergebnisse?

Überraschende und auch erschreckende. Dazu gehört die Erkenntnis, dass wir Folgen der 28 Jahre zurückliegenden Vereinigung und die damit verbundenen sozialen Traumatisierungen bis heute feststellen können und dass sie in die jeweils nächste Generation weitergegeben worden sind. Diese tief sitzenden Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit der Zeit. Unserer Befragung zufolge haben die Menschen den sozialen Wandel als Zerstörung von so ungefähr allem erfahren, was ihr Leben ausgemacht hat: von wirtschaftlichen Aussichten, von politischen Zusammenhängen, von eigenen Handlungsansätzen und Lebensmöglichkeiten und von sozialen Beziehungen. In diesem Prozess haben sie sich selbst als ohnmächtig erlebt. Das hat extreme Gefühle, aber auch Bewältigungsversuche und gewissermaßen eine erzwungene Entwicklung der Selbstregulation ausgelöst. Die Leute sagen sich: »So ist es eben, man muss weitermachen. « Aber gleichzeitig wissen sie, dass es nicht gut ist, und spüren, dass es sich nicht gut anfühlt. Daher kommt eine unterschwellige, tiefe, schwer auszuräumende Entfremdung von allem, was in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik überhaupt eine Rolle spielt. Diese reicht – das hat uns auch erschreckt – bis in die Reihen politischer Amtsträgerinnen und -träger, wie etwa Abgeordnete und Parteifunktionärinnen und -funktionäre.

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