Das Impostor-Phänomen

Tiefstapeln, aber hoch fliegen

»Die übertriebene Wertschätzung meines Lebenswerks beunruhigt mich. Ich fühle mich gezwungen, mich als unfreiwilligen Betrüger zu betrachten«, sagte einst Albert Einstein, und schon Johann Wolfgang von Goethe wusste: »Mit dem Wissen wächst der Zweifel.« Warum Menschen trotz großer Leistungen mitunter an sich selbst zweifeln, beleuchtet Prof. Dr. Sonja Rohrmann.

In unserer westlichen Leistungsgesellschaft spielt Erfolg eine wichtige Rolle. Das Erreichen von gesellschaftlich anerkannten Zielen macht normalerweise zufrieden und erhöht das Selbstbewusstsein. Es gibt aber Personen, die die mit Erfolgen einhergehenden Merkmale wie Anerkennung, Macht und Status nicht nur nicht genießen können, sondern sogar unter ihnen leiden. Die Professorinnen Pauline Rose Clance und Suzanne Imes (1978) beobachteten im Rahmen ihrer psychotherapeutischen und beratenden Tätigkeiten an der Universität in Georgia (USA), dass viele erfolgreiche Frauen unter starken Selbstzweifeln litten, obwohl sie herausragende akademische Leistungen aufwiesen, in unterschiedlichen Berufsfeldern äußerst angesehen waren und beruflich Karriere gemacht hatten. Sie neigten dazu, objektive Erfolgsindikatoren (etwa akademische Grade oder Auszeichnungen) nicht auf ihre eigenen Fähigkeiten zurückzuführen, sondern auf übermäßige Anstrengungen oder glückliche äußere Umstände (wie etwa Glück, gute Beziehungen zu relevanten Personen, Attraktivität oder Charme). Trotz hoher Anerkennung
von anderen äußerten sie das Gefühl, überschätzt zu werden. Zwar sehnten sie sich nach der Bestätigung,
kompetent und geachtet zu sein, konnten jedoch aufgrund der Überzeugung, ihre Erfolge nicht zu verdienen, die Anerkennung nicht annehmen. Durch Lob sahen sie ihren Eindruck bestätigt, eine Maske zu tragen und ihrer Umwelt ein falsches Bild von sich vermittelt zu haben (Clance, 1985). Statt den Erfolg zu genießen, fühlten sie sich als Betrügerinnen und lebten in ständiger Angst, dass ihre Maske bei zukünftigen Leistungsanforderungen fallen könnte, falls sie diesen nicht gewachsen wären und versagen könnten. Clance und Imes (1978) erkannten, dass sich diese Frauen als Hochstaplerinnen empfanden, und fassten ihre Beobachtungen unter dem Begriff »Impostor-Phänomen« bzw. »Hochstapler-Phänomen« zusammen (wobei die Bezeichnung »Tiefstapler« eigentlich zutreffender wäre).

Verzerrte subjektive Wahrnehmung
Das Impostor-Phänomen ist bei objektiv nachgewiesenen Erfolgsmerkmalen durch eine verzerrte negative
subjektive Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Kompetenz charakterisiert. Eine hohe Kompetenz
scheint sogar die Voraussetzung dafür zu sein, ein Impostor-Selbstkonzept zu entwickeln, wie die eingangs angeführten Zitate von Einstein und Goethe nahelegen.

Weit verbreitetes Phänomen
Clance und Imes (1978) gingen zunächst davon aus, dass das Impostor-Selbstkonzept vor allem Frauen betreffen würde. Inzwischen wurde das Phänomen vielfach empirisch beforscht. In der Mehrheit der Studien konntenkeine signifikanten Geschlechtsunterschiede festgestellt werden, das heißt, Frauen und Männer scheinen gleichermaßen vom Impostor-Phänomen betroffen zu sein (Rohrmann, 2018).
Empirischen Studien zufolge ist das Impostor-Selbstkonzept unter erfolgreichen Personen weit verbreitet.
So kennt etwa die Hälfte erfolgreicher Personen – egal, welchen Geschlechts, Alters und Berufs – Impostor-Gedanken und -Gefühle (Sakulku & Alexander, 2011). In der Studie von Rohrmann, Bechtoldt und Leonhardt (2016) berichteten über 50 Prozent der erfolgreichen Führungskräfte, durch ein Impostor-Selbstkonzept charakterisiert zu sein. Besonders betroffen sind vor allem Personen mit höherem Bildungsniveau, qualifizierten Abschlüssen und insbesondere Personen im Hochschulwissenschaftssystem,
deren Arbeitskontext durch eine Vielfalt von Rollen, Rollenerwartungen und -widersprüche charakterisiert ist. Das Phänomen ist länder- und kulturübergreifend zu finden (Rohrmann, 2018), auch wenn sich westliche leistungs- und wettbewerbsorientierte Gesellschaften offenbar begünstigend auf dessen
Entwicklung auswirken, da hier der persönliche Wert an der erbrachten Leistung gemessen wird (Langford & Clance, 1993).

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