Wechselmodell als Regelfall?

Für die öffentliche Anhörung im Rechtsausschuss zum Thema »Wechselmodell als Regelfall« am 13. Februar 2019 verfasste die Sektion Rechtspsychologie eine schriftliche Stellungnahme.

Zur Situation von Familien in Deutschland
Einleitend ist ein kurzer Blick auf die Familiensituation in Deutschland zu werfen. Familiäre Trennungen sind nicht selten. 2017 waren rund 123.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland von der Scheidung ihrer Eltern betroffen (Statistisches Bundesamt, 2018a). Hinzu kommt eine unbekannte Zahl an Trennungen von unverheirateten Eltern. 96 Prozent der betroffenen Eltern behielten im Falle der Scheidung das gemeinsame Sorgerecht. Einer Studie zufolge hatten 62 Prozent der befragten nicht verheirateten Eltern das gemeinsame elterliche Sorgerecht nach der Trennung inne (Jurczyk & Walper, 2013). Während es langfristig im Durchschnitt bei zehn bis 15 Prozent der Kinder in intakten Familien zu Verhaltensproblemen
kommt, sind bei Kindern aus Trennungsfamilien etwa doppelt so viele betroffen (20 bis 25 Prozent).
Allerdings ist zu bedenken, dass oftmals bereits lange vor der Trennung Probleme vorlagen. Nicht alle
Nachteile von Scheidungskindern sind als Folge der Trennung zu interpretieren, sondern zumindest teilweise als Fortsetzung früherer Belastung zu verstehen (Walper & Langmeyer, 2019). Etwa acht bis zwölf Prozent der Eltern bleiben auch nach der Trennung hochstrittig. Ist die Trennung vollzogen,
dauert es in der Regel zwei bis drei Jahre, bis sie emotional überwunden ist. Auch 75 bis 80 Prozent der
Kinder stabilisieren sich in diesem Zeitraum (Salzgeber, 2015). In der familiengerichtlichen Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt sich ein Anstieg der Umgangsverfahren: von gut 22.000 Verfahren in 1997 auf knapp 55.000 Verfahren im Jahr 2016 (Statistisches Bundesamt, 2018b). Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Deutlich wird auf jeden Fall, dass das Thema »Betreuung« im Alltag getrennt lebender Familien eine große Bedeutung hat und anscheinend zunehmend mit gerichtlicher Hilfe geklärt werden muss.

Betreuungsmodelle
In Familien finden sich unterschiedlichste Betreuungsmodelle, die dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen. Betreuungsregelungen in Familien werden egalitärer und vielfältiger, das Angebot von institutionellen Betreuungsmöglichkeiten nimmt zu. Diese Vielfalt gilt zunehmend auch für die Betreuung nach der Trennung oder Scheidung. Der große Teil der Kinder in Deutschland lebt nach der Trennung der Eltern überwiegend bei einem Elternteil, mit häufigen Kontakten (mindestens ein- bis zweimal pro Woche) zum anderen Elternteil (Residenzmodell). Die Betreuungsform »Wechselmodell« (60/40) wird etwa in fünf Prozent der getrennten Familien gelebt (Walper, 2018). Laut Studie »CILS4EU« (Längsschnittstudie in vier
europäischen Ländern) erleben zehn Prozent der Jugendlichen aus Scheidungsfamilien in Deutschland eine
hälftige Betreuung durch beide Eltern (Kalmijn, 2015). Es ist dabei darauf hinzuweisen, dass es keine verbindliche psychologische Definition für das Wechselmodell gibt. Ein Konsens, ab welcher Quotelung von einem solchen gesprochen wird, auch in Abgrenzung zu einem erweiterten Umgang, besteht nicht. Wenn man in Deutschland von einem »Wechselmodell« spricht, ist in der Regel eine fünfzigprozentige Betreuungszeit gemeint (paritätisches Wechselmodell). Aus psychologischer Sicht spricht man bereits dann von Wechselmodell, wenn der andere Elternteil sein Kind zu mehr als 30 Prozent betreut. Zum Beispiel wäre dies bei einem zweiwöchentlich zweieinhalbtägigen Kontakt mit einem zusätzlichen Tag pro Woche bereits erreicht. Formen von Wechselmodellen sind sehr unterschiedlich: von monatlichen über wöchentliche bis hin zu täglichen Wechseln (nur Tage/nur Nächte). Auch das Nestmodell, bei dem das Kind in der elterlichen oder einer dritten Wohnung verbleibt und die Eltern sich dort in der Betreuung hälftig abwechseln, ist eine Form des Wechselmodells. Zahlreiche Befunde lassen darauf schließen, dass in der
Praxis geteilte Betreuung unter bestimmten Rahmenbedingungen praktiziert wird (siehe unter anderem Bakker & Mulder, 2013; Bergström et al., 2013; Cashmore et al., 2010; Hennemann, 2018; Kaspiew et al., 2009). Häufiger anzutreffen ist diese Betreuungsform im Kindesalter zwischen drei und zwölf Jahren, insbesondere im Grundschulalter. Bei jüngeren Kindern stehen andere entwicklungsbedingte Bedürfnisse und Anforderungen an die Eltern im Vordergrund. Jugendliche legen hingegen ihren Fokus auf den Kontakt zu Gleichaltrigen und ihr Autonomiebedürfnis. Von pragmatischer Relevanz sind zudem die Wohnortnähe, die bisherige Betreuungsform und die Qualität der Fremdbetreuung: Mit zunehmender Entfernung zwischen den Wohnungen der Elternteile wird die Umsetzung schwieriger. Auch der sozioökonomische Status der Eltern spielt eine Rolle: Die Wahrscheinlichkeit für die Wahl eines Wechselmodells steigt mit höherem Bildungsgrad, Einkommen und flexibleren Arbeitsbedingungen. Ferner haben die
Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft der Eltern eine besondere Bedeutung, da mehr Abstimmungsleistungen und Alltagskoordination erforderlich sind (siehe Rowen & Emery, 2018; Walper & Fichtner, 2011). Nicht zuletzt setzt das Wechselmodell oftmals das elterliche Engagement vor der Trennung fort: Wenn sich beide Eltern bereits vor der Trennung intensiv bzw. paritätisch um das Kind gekümmert haben, wird dies auch nach der Trennung beibehalten.

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