Ein unerschöpfliches Lernfeld

Wie nicht nur Kinder und Jugendliche emotionale Kompetenz erwerben, erklärt Prof. Dr. Maria von Salisch im Interview.

Was genau versteht man unter emotionaler Kompetenz?
Es gibt dazu unterschiedliche Modelle, gemeinsam sind ihnen die Kernbestandteile Emotionswissen und Emotionsregulation. Es geht also im Kern darum, die eigenen Emotionen und die anderer Menschen zu erkennen und mit ihnen umgehen zu können. Hinzu kommen in manchen Modellen die Kommunikation von Emotionen, ein Emotionsvokabular oder motivationale Faktoren.

Wann und wie entwickelt sich emotionale Kompetenz?

Ab dem ersten Lebenstag sind Kinder sehr interessiert am Ausdrucksverhalten ihrer Eltern und nehmen genau auf, was diese tun oder heute grade eben nicht tun. Kein Wunder, sind Kinder doch, gerade wenn sie noch sehr jung sind, abhängig von den Emotionen ihrer Mitmenschen, insbesondere von deren Wohlwollen. Mit dem zweiten Lebensjahr beginnt dann die Benennung von all dem, was bis dahin implizit erfahren wurde, also die Ausbildung eines Vokabulars für Emotionen. Wenn man sich die Gespräche von Eltern und Kleinkindern anhört, sind diese Befindlichkeiten häufige Themen: Ist dir kalt? Hast du Hunger? Bist du böse? Warum bist du traurig? Mit der Ausbildung der Theory of Mind im dritten Lebensjahr
verfeinern Kinder ihr Verständnis der eigenen Emotionen, aber auch derer anderer Menschen. Gleichzeitig
ermöglicht die neuropsychologische Entwicklung den Kindern mehr und mehr Selbstregulation und damit
die willentliche Regulation von Emotionen.

Was sind Voraussetzungen dafür, dass sich Kinder in diesem Bereich gesund entwickeln?
Zunächst einmal braucht es Bezugspersonen, die zuverlässig und feinfühlig sind, also auf die Emotionen
des Kindes eingehen und eigene Emotionen in ihrem Ausdrucksverhalten authentisch zeigen. Eine der wichtigsten Quellen des Emotionswissens ist die Beobachtung: Wie gehen andere mit Situationen um, und
wie regulieren sie ihre Emotionen? Ebenso wichtig ist es, über Gefühle zu sprechen und damit Zusammenhänge, die Kinder vielleicht implizit schon beobachtet
haben, zu benennen, etwa: Wenn es Suppe gibt, hat Papa schlechte Laune, weil er Suppe nicht mag. Solche Zusammenhänge erkennen Kinder, für die Versprachlichung aber braucht es Erwachsene.

Was, wenn eine Bindungsperson selbst nicht gut mit ihren Emotionen umgehen kann?

Auch dann ist sie ein Modell für das Kind. Es gibt Evidenz dafür, dass Eltern, die in diesem Bereich kompetenter sind, Kinder haben, die früher über Emotionen sprechen und Zusammenhänge besser erkennen können – und umgekehrt. Auch gibt es Stimmen, die sagen: Man kann die Emotionen bei seinen Kindern nur erkennen, wenn man sie bei sich selbst erkennen kann.

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