Heimat in einer verunsicherten Welt?

Prof. Dr. Beate Mitzscherlich beleuchtet den Begriff »Heimat«, was Heimat für unsere Identität bedeutet und warum sie für uns heute – nach wie vor und vielleicht mehr denn je – bedeutsam ist.

Heimat ist seit einigen Jahren wieder in das Zentrum politischer Debatten gerutscht, fast alle politischen Parteien nehmen – positiv oder negativ – auf diesen Begriff Bezug. Es gibt ein Heimatministerium und eine Auseinandersetzung darüber, ob man diesen Begriff exklusiv oder inklusiv verstehen soll: ob die Heimat bewahrt, geschützt, der Zuzug von »Fremden« begrenzt werden muss oder ob das Bemühen um Heimat – in einem offenen Verständnis – alle verbindet, die sich in einem Gemeinwesen zusammenfinden, engagieren und dafür Verantwortung übernehmen. Hinter dieser Debatte stehen nicht nur die Verunsicherung über weltweite Migrationsbewegungen und im Zuge der Globalisierung zunehmende Unsicherheiten, Gerechtigkeitsprobleme und Konflikte, sondern auch die Frage, was denn noch Gemeinschaft fördert bzw. zusammenhält, auf welche Werte oder zumindest »Regeln« sich eine Gesellschaft individualisierter und diverser Menschen einigen kann. Das ist nach Jahren, in denen Heimat – wenn sie überhaupt eine Rolle im Diskurs einer liberalen, wohlhabenden, zunehmend diversen
Bundesrepublik spielte – am ehesten Bezugspunkt individueller Auseinandersetzung über Herkunft, Zugehörigkeit und soziale Einbindung war, eine interessante Bedeutungsverschiebung. Oder sollte man psychologisch besser »Regression« sagen?

Bedeutungsverschiebungen
Tatsächlich hat der Heimatbegriff schon einige Bedeutungsverschiebungen hinter sich. Als ursprünglich
praktisch-pragmatischer Besitztitel von bäuerlich sesshaften Menschen (»Die neue Heimat kostete ihn wohl 1000 Gulden!«, siehe unter anderem Jeremias Gotthelf) wurde er erst im Zuge der Industrialisierung, der Loslösung der Menschen von der »Scholle« und im Zuge der ersten Auswanderungs- oder Arbeitsmigrationswellen in die »Innenwelt der Subjekte« verschoben und bekam die romantisch-nostalgische Aufladung, die viele für spezifisch deutsch halten: Heimat war nicht mehr das, was man besaß, sondern das, wonach man sich (zurück)sehnte. In dieser romantisch-gefühligen Aufladung war der Begriff höchst anfällig für nationalistische und später wahlweise faschistische, aber auch sozialistische Aufladung: Für die Heimat musste gekämpft oder diese musste verteidigt werden, für sie zog man in den Krieg, starb oder tötete man – zumeist in fremden Ländern. Das Ergebnis waren nicht nur zerstörte Dörfer, Städte und Familien, sondern Millionen von »Heimatvertriebenen« – nicht nur in Deutschland. Diese hielten den Begriff – allerdings eben zumeist als rückwärtsgewandte oder auch traumatisch fixierte Sehnsucht – noch in Ehren, als die Mehrheit der Menschen in der wieder aufgebauten und zu Wohlstand gekommenen Bundesrepublik längst mit dem Auto unterwegs nach Italien war. Es war interessanterweise die grüne Bewegung, die den Heimatbegriff in den 1980er-Jahren wieder benutzte, um sich über Umweltschutz, lokale Verantwortung und gutes Zusammenleben zu verständigen (siehe Bausinger, 1990).

Der Heimatbegriff in der Psychologie
Auch die (akademische) Psychologie hat den Begriff lange vermieden, nachdem er noch in der geisteswissenschaftlichen Psychologie der 1920er- bis 1950er-Jahre – etwa bei Eduard Spranger – Teil psychologischer Konzepte war. Als ich in den 1990er-Jahren anfing, mich empirisch mit Heimat zu beschäftigen, gab es – außerhalb der Migrationsforschung – einen einzigen Tagungsband von politischen Psychologinnen und Psychologen (»Wem gehört die Heimat?«, Belscher, Grubitzsch, Leszczynski
& Müller-Doohm, 1995), in dem der Begriff weitgehend als unwissenschaftlich und durch den Gebrauch im Nationalsozialismus kontaminiert verworfen wurde. Empirisch erzeugt der Begriff aber eine hohe Resonanz bzw. taucht in der Praxis von Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und -therapeuten, aber auch Organisationsberaterinnen und -beratern immer wieder auf: nicht nur bei Heimatvertriebenen und Menschen mit Einwanderungsbiografien, sondern eben auch bei Menschen, deren Leben zunehmend durch Mobilität, Digitalisierung und Globalisierung geprägt ist und die sich deswegen als »displaced persons« erleben.

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