De-Radikalisierung und psychologische Praxis

Über »De-Radikalisierung als Integrationsaufgabe« wird beim Tag der Psychologie 2019 am 20. September 2019 in Berlin Prof. Dr. Dierk Borstel, Politikwissenschaftler an der Fachhochschule Dortmund und einer der führenden deutschen Extremismusforscher, sprechen. Im Interview erläutert er Fachtermini und stellt einen ersten Bezug zu (möglichen) Tätigkeiten von Psychologinnen und Psychologen her.

Was genau ist das – »Radikalisierung«?
In jedem Fall handelt es sich dabei um einen Prozess und nicht um eine Zustandsbeschreibung. Im Wort
steckt der Begriff »radikal«, den ich zunächst für wertfrei halte, wenn er in seiner klassischen Bedeutung wie »von den Wurzeln her denkend« verstanden wird. Es gibt ja zum Beispiel radikale Menschenrechtlerinnen und -rechtler oder Demokratinnen und Demokraten. Die mögen anstrengend, aber sicher nicht gefährlich sein. Zum Problem wird Radikalisierung für mich im politischen Sinne vor allem dann, wenn zwei Aspekte sich ausbreiten: eine Ideologie der Ungleichwertigkeit der Menschen auf der Einstellungsebene und die Akzeptanz von Gewalt zur Durchsetzung dieser Ideologie
auf der Verhaltensebene. Bei den Salafi sten macht sich das dann etwa in der Einteilung der Menschen in »auserwählt«, »gläubig« oder »nicht gläubig« bemerkbar, bei den Rechtsextremisten sortiert sich die Menschheit nach biologistischen oder kulturalistischen Merkmalen. Am Ende des Gedankens gibt es dann immer höher- und minderwertige Gruppen, und das Gleichheitspostulat der Menschen wird gebrochen.

Sie forschen vor allem zu rechtsextremer Radikalisierung und betreuen auch Aussteigende und deren Angehörige. Welche Wege in diese Szene finden sich dort?
Jeder Weg ist individuell, und immer wieder sind Entwicklungen überraschend. Dennoch gibt es einige typische Muster. Einige Kinder wachsen schon in rechtsextreme Familien hinein. Für sie sind die Ideologie, die Gewalt und daraus abgeleitete Rollen und Umgangsformen völlig normal und andere Lebensweisen oft ziemlich fremd und nicht selten von den Eltern als gefährlich gebrandmarkt. Am häufigsten ist jedoch der Einstieg über die Peer Group am Anfang der Pubertät. Da geht es vor allem um Anerkennung in der Gruppe, Loslösung von den Eltern, manchmal auch Provokation und Abgrenzung. Eher wenige – dafür häufig die klügeren – kommen tatsächlich aus primär politisch-ideologischen Gründen zu diesen Szenen. Sie kritisieren Verlogenheiten der etablierten Politik, bestehende soziale Zustände und wünschen sich eine grundsätzliche politische Kehrtwende, die sie sich in einem nationalen Sozialismus erträumen.

Lesen Sie den gesamten Artikel in unserer Juli/August-Ausgabe.

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