Appellieren an negative Emotionen

Wie populistische Akteure und Akteurinnen soziale Medien nutzen

Welchen Einfluss soziale Medien auf Populismus haben und welche Kommunikationsmittel populistische Akteure und Akteurinnen dabei verwenden, erklärt Prof. Dr. Christian Schemer im Interview.

Viele User und Userinnen nutzen soziale Medien, um sich politisch zu informieren und sich eine Meinung zu bilden. Sehen Sie darin mehr eine Chance oder mehr eine Gefahr?
Beides. Stößt man über soziale Medien auf Informationen, die einem sonst nicht zugänglich sind, oder auf
Sichtweisen, die man sonst über traditionelle Medien nicht erhält, kann es das Informationsrepertoire bereichern. Eine Gefahr kann es dann sein, wenn ich mich ausschließlich auf Informationen verlasse, die mich über soziale Medien erreichen, oder mich nur an bestimmten Quellen bediene, die eine einseitige Perspektive auf bestimmte Themen bieten – egal, ob das Migration, Energiewende oder Außenpolitik ist. Insofern kann es beides sein: Chance und Gefahr, je nachdem, wie man soziale Medien nutzt.

Welche Rolle spielen dabei die sogenannten Filterblasen?
Das ist ein heiß diskutiertes Thema. Die bisherigen Erkenntnisse sagen eigentlich, dass das nicht wirklich ein
gesellschaftliches Problem ist.

Echt?
Ja, die ersten Erkenntnisse zu dem Thema waren Netzwerkanalysen zu Twitter in den USA. Da findet man
natürlich, dass diejenigen, die einander folgen und retweeten, eher ähnlicher parteipolitischer Couleur sind
und dass sich die Lager nicht sonderlich überschneiden. Daraus hat man geschlossen: Oh, hier haben wir zwei Filterblasen, eine republikanische und eine demokratische. Das mag auf den ersten Blick richtig gewesen sein, blendet aber aus, dass diese Leute einander nicht nur auf Twitter folgen, sondern auch andere Angebote und Informationen nutzen. Wenn man sich tatsächliches Mediennutzungsverhalten anguckt, also wie häufig von welchen Personen wie lange welche Sachen angeschaut werden –, Daten, wie es sie in Deutschland zum Beispiel bei Nielsen gibt – und wenn man sich das gesamte Publikum und die gesamte Nutzung anschaut, dann findet man eine starke Überlappung von unterschiedlichen politischen Meinungslagern, die sich auf ähnliche Inhalte und ähnliche Angebote konzentrieren, nämlich auf große
Nachrichtensender und große Medien, sowohl on- als auch offline. Viele nutzen Mainstreammedien. Da ist es egal, welche Parteicouleur ich habe, selbst wenn ich in Nischen als Republikaner bzw. Republikanerin zusätzlich auch noch FOX schaue oder mich als Demokrat bzw. Demokratin doch stark mit CNN oder anderen liberaleren Medien beschäftige. Selbst in den USA, wo man am Anfang gesagt hat, da gibt es Filterblasen oder Echokammern, kann man das eigentlich, wenn man einen angemessenen methodischen Zugang wählt, nicht so festhalten. Die Frage ist, ob es ein Problem ist, wenn man drei bis fünf Prozent Personen hat, die sich nur sehr einseitig informieren und in ihrer Blase verharren. Damit sollte man sich auseinandersetzen, aber es ist zumindest kein Problem, das die Masse hat. Bei uns würde ich sagen, ist das Problem noch weniger ausgeprägt, weil die meisten Informationsquellen, die genutzt werden, nach wie vor zum Beispiel große öffentlich-rechtliche Sender oder große Zeitungen sind. Die sind dominant, online
wie offline. In letzter Konsequenz landen wir, egal, welche Parteicouleur wir haben, bei ähnlichen  Angeboten.

Lesen Sie den gesamten Artikel in unserer September-Ausgabe.

Report Psychologie September 2019 bestellen

Zurück