Power Posing

Eine Zusammenfassung des Wissensstands über die Effekte dominanter versus submissiver Körperhaltungen

Zusammenfassung
»Power Posing« bezeichnet den nonverbalen Ausdruck von Macht. Als »High Power Posing« werden offene, raumeinnehmende Körperhaltungen bezeichnet, während »Low Power Posing« durch kontrahierte, zusammengesunkene Körperhaltungen gekennzeichnet ist. Power Posing wurde anfangs fast als  »Wundermittel« mit Effekten auf Hormonspiegel, Verhalten und Psyche propagiert. Jedoch konnten verschiedene zentrale Befunde nicht repliziert werden, und eine der Hauptautorinnen der frühen Befunde musste Fehler eingestehen. Im Artikel beschreiben wir das Konstrukt im Wandel der Zeit und fassen die aktuelle Befundlage zu den Wirkungen von Power Posing zusammen. Wir schlussfolgern, dass sich Effekte von Power Posing im Selbstbericht zeigen, aber nur wenig Evidenz für verhaltensbezogene Veränderungen vorliegt und hormonelle Veränderungen nicht nachgewiesen sind.

Einleitung
Was passiert, wenn Menschen nonverbal Macht ausdrücken? Das ist die zentrale Fragestellung hinter dem
Konzept »Power Posing« (Carney, Cuddy & Yap, 2010). Ausgehend von der Embodiment-Forschung und der sozialpsychologischen Machtforschung wird angenommen, dass durch Körperhaltungen, die Macht repräsentieren, psychologische Veränderungen erfolgen können. 

Macht als Konstrukt wurde bereits intensiv untersucht (Guinote, 2017). In der Psychologie wird Macht in einer aktuellen Definition als Möglichkeit verstanden, Zustände anderer Personen zu verändern, indem Ressourcen (zum Beispiel Geld, Zuwendung, Wissen) oder Bestrafung (zum Beispiel physischer Schmerz, Ächtung) verabreicht werden oder davon abgesehen wird (Keltner, Gruenfeld & Anderson, 2003). Das erlebte Machtniveau wird dabei über die wahrgenommene Möglichkeit, Ressourcen oder Bestrafungen einzusetzen, beeinflusst.

Verschiedene Einflussfaktoren wie Persönlichkeitseigenschaften und physische Merkmale, Wissen oder die Rolle in einer Gruppe wirken sich auf das Machtpotenzial einer Person aus. Beispielsweise wird  extravertierten, selbstsicheren und großen Personen mehr als anderen Führungspotenzial zugeschrieben (Anderson, John, Keltner & Kring, 2001; Blaker, Rompa, Dessing, Vriend, Herschberg & Van Vugt, 2013). Führung ist mit Macht verbunden, da Führungspositionen in der Regel Macht mit sich bringen (Braynion, 2004). Umgekehrt hat Macht Einfluss auf verschiedene psychologische Prozesse: Personen, die Macht haben, erleben mehr positive Emotionen, zeigen höhere Aufmerksamkeit für potenzielle Belohnungen und sind in ihrem Verhalten weniger gehemmt. Demgegenüber zeigen sich bei Personen, die sich als machtlos erleben, stärkere Verhaltenseinschränkungen, negativere Emotionen und erhöhte Aufmerksamkeit für potenzielle Bedrohungen (Keltner et al., 2003).

Im Tierreich werden Stärke und Dominanz durch expansive Verhaltensmuster ausgedrückt (Darwin, 1872/2009). In Analogie dazu wird auch bei Menschen argumentiert, dass bestimmte Posen Macht symbolisieren. In diesem Sinne zeigten Studien, dass in der interpersonellen Wahrnehmung bestimmte nonverbale Ausdrucksmuster mit hoher oder mit niedriger Macht assoziiert sind (Carney, Hall & LeBeau, 2005). Beispielsweise werden aufrechte Körperhaltungen, die Orientierung des Körpers zu anderen Personen hin sowie häufiger und langer Blickkontakt so interpretiert, dass die Person Macht besitzt.

Der Begriff »Power Posing« wurde 2010 von Dana Carney, Amy Cuddy und Andy Yap vorgeschlagen, um expansive Haltungen zu charakterisieren, die Macht symbolisieren und – so die These – durch das Einnehmen dieser Positionen zu günstigen Effekten führen. High Power Posing wurde definiert als  raumeinnehmende und dominante Körperhaltung, Low Power Posing als submissive und  zusammengesunkene Haltung.

Das Thema wurde in den folgenden Jahren intensiv und sehr kontrovers diskutiert. Es entwickelte sich
letztlich zu einem Fall der Replikationskrise in der Psychologie: Verschiedene Befunde konnten in späteren
Studien nicht gezeigt werden, und die Kritik an den Thesen wuchs zunehmend. Im Folgenden stellen wir die Geschichte des Konzepts »Power Posing« dar, erläutern die typische Forschungsmethodik und geben
einen Überblick über zentrale Ergebnisse, um auf dieser Basis die Effekte machtdarstellender  Körperhaltungen einzuordnen.

Lesen Sie den gesamten Fachartikel in unserer September-Ausgabe.

Report Psychologie September 2019 bestellen

Zurück