Fremdbilder über die Psychologie und ihre Bedeutung

Es gibt viele Klischees über Psychologinnen und Psychologen. Was ist dran an den Fremdbildern? Prof. Dr. Uwe Peter Kanning über das Image der Psychologie und die Herausforderungen der Zukunft.

Jeder, der einmal Psychologie studiert hat, kennt, falsche Fremdbilder über die Psychologie, das Psychologiestudium, über Psychologinnen und Psychologen. Die eigenen Eltern, Freundinnen und Freunde, Vermieterinnen und Vermieter oder die nächstbeste Partybekanntschaft können als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mehr oder minder ernst gemeinter Klischees benannt werden (Brinthaupt, Counts & Hurst, 2012; Brinthaupt, Hurst & Johnson, 2016). Wer sich zudem ein paar Minuten Zeit nimmt und im Internet recherchiert, stößt schnell auf die folgenden Punkte:ƒ

  • Psychologie studiert man vor allem, wenn man selbst Probleme hat.
  • Wer Psychologie studiert, kann Menschen durchschauen.
  • Im Studium lernt man Träume deuten.
  • Psychologie und Psychoanalyse sind dasselbe.
  • Psychologie und Psychotherapie sind dasselbe.
  • Die Psychologie drückt kompliziert aus, was der gesunde Menschenverstand schon immer wusste.

Wie viele Menschen tatsächlich solche Fremdbilder der Psychologie in sich tragen, ist unklar. Die meisten
Fremdbilder lassen sich leicht widerlegen.

Dass Studierende der Psychologie mehr psychische Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten aufweisen als
in der Bevölkerung üblich, ist zumindest dem Augenschein nach nicht gegeben. Bedingt durch den hohen
Numerus clausus handelt es sich sicherlich um eine stark selektierte Teilpopulation, und zwar im Hinblick
auf schulische Leistung, kognitive Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft, vergleichbar mit dem Medizinstudium. Dass dies aber auch mit einem Anstieg psychischer Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten verbunden sein sollte, ist nicht zu erwarten (Rost, 1993). Absolventinnen und Absolventen der Psychologie können Menschen nicht per Röntgenblick durchleuchten, und es gibt auch keine Psychotricks, die einem dies ermöglichen. Im Gegenteil: Im Studium lernen wir, unsere eigene Wahrnehmung sehr kritisch zu hinterfragen und diagnostisch validierte Methoden an die Stelle
vermeintlicher »Menschenkenntnis« zu stellen. Möglicherweise liegen die Wurzeln für das Klischee in Teilen
der Ratgeberliteratur und Presseberichten, die bisweilen den Eindruck erwecken, man könne aus der Lieblingsfarbe oder der Blickrichtung eines Menschen auf dessen Persönlichkeit schließen. In so mancher Buchhandlung steht die psychologische Fachliteratur zudem unmittelbar neben Ratgebern, die ein solch falsches Bild zeichnen. Für Laien ist es da schwer, den qualitativen Unterschied zu erkennen. Irgendwie scheint alles »Psychologie« zu sein.

Psychologie, Psychoanalyse, Psychiatrie?
Natürlich lernt man im Psychologiestudium nicht Träume deuten, was auch gar nicht möglich wäre, da es keine validen Interpretationen gibt. Wenn man sich überhaupt im Psychologiestudium mit Träumen beschäftigt, dannwohl eher mit der Frage wie viele REM-Phasen zu einem erholsamen Schlaf gehören oder wie sich im Laborexperiment die Inhalte einer Traumphase durch Stimulation verändern lassen. Eng verbunden mit dem Thema »Traumdeutung« ist die Gleichsetzung der Psychologie mit der Psychoanalyse. Hier dürften nicht zuletzt Fernsehkrimis eine zentrale Quelle der Fehleinschätzung bilden. Wie weit Psychoanalyse und Psychologie auseinanderliegen, erfahren Studierende spätestens nach zwei Semestern. Unsere Identität als quantitativ-naturwissenschaftlich geprägte Disziplin ist zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, dass sich die Psychologie im 20. Jahrhundert an der geisteswissenschaftlichen Psychoanalyse abgearbeitet hat. Wer heute an einer Universität in die Psychologiebibliothek geht, dürfte hier weitaus weniger psychoanalytische Literatur finden als bei den Kolleginnen und Kollegen der Pädagogik, der Germanistik oder der Kulturwissenschaften.

Es ist verständlich, dass die Psychologie in der Öffentlichkeit leicht mit Psychotherapie gleichgesetzt wird (Kanning, 2014a), schließlich arbeiten die meisten Psychologinnen und Psychologen im klinischen Sektor. Zudem ist für Laien die Abgrenzung zur Psychiatrie in der Regel nicht klar, sodass auch ein Großteil der Psychiatrievertreterinnen und -vertreter der Psychologie zugerechnet werden. Ein Blick in das Curriculum unserer Studiengänge würde allerdings sehr schnell verdeutlichen, dass die Gleichsetzung der Psychologie mit der Psychotherapie viel zu kurz greift. In Forschung und Lehre ist der klinische Sektor eine Disziplin neben vielen anderen. Mehr noch, die Klinische Psychologie nutzt viele Synergieeffekte aus zahlreichen Grundlagendisziplinen, ohne sie dabei zu vereinnahmen oder zu prägen.

Viele Menschen glauben, dass sie selbst die besten Psychologinnen und Psychologen wären, ganz so, wie Millionen Fußballfans sich für hervorragende Trainer halten. Begünstigt wird diese Sichtweise durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Sehr viele Menschen weisen positiv verzerrte Selbstbilder auf und neigen generell dazu, sich selbst zu überschätzen (Kanning, 2000). Die Selbstüberschätzung dürfte dabei umso leichter fallen, je weniger Fachkompetenz man besitzt. Sehr oberflächlich betrachtet ist Psychotherapie nicht viel mehr als »Reden« und Personalauswahl gelebte »Menschenkenntnis «. Viele Forschungsergebnisse erscheinen im Nachhinein betrachtet zudem so alltagsplausibel, dass Laien sie als geradezu banal erleben können. Dabei übersehen die Betroffenen, dass alternative Ergebnisse, die sich empirisch nicht bestätigt haben, ebenso plausibel gewesen wären. Bittet man eine Gruppe von Laien nicht erst nach der Bekanntgabe der Ergebnisse um eine Bewertung, sondern fragt sie vorher, welches Ergebnis zu erwarten ist, wird deutlich, dass klassische Befunde der psychologischen Forschung keineswegs banal sind (Holz-Ebeling, 1989; Monigl & Neuf, 2013).

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