»Natürliche Äpfel, so wie sie tatsächlich aussehen«

Kaufverhalten nachhaltig beeinflussen und Lebensmittelverschwendung reduzieren

Roxanne van Giesen erforscht am »Institute for data collection and research« im niederländischen Tilburg zusammen mit Illone de Hooge (Wageningen University), wie Supermärkte suboptimale Lebensmittel für die Kundschaft attraktiver machen können. Welche Methoden helfen langfristig, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren? Das erklärt sie im Interview.


Wie werden suboptimale Lebensmittel von niederländischen Supermarktketten präsentiert und welche Initiativen gibt es?
Natürlich ist es gut, dass ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschaffen wird, aber die Frage ist: Bekommen der Produzent bzw. die Produzentin oder der Einzelhandel auch Geld dafür? Was wir in unserem Paper argumentieren, ist, dass sie, wenn Supermärkte Nachhaltigkeit vermarkten, auch normale Preise verlangen können. Eine Preissenkung ist nicht notwendig. Eine spannende Initiative ist die Initiative »Kromkommer«, die Suppen aus suboptimalen Lebensmitteln herstellt. Sie haben in dieser Initiative all diese amüsanten Bilder von nicht so schön aussehenden Karotten. Sie bewerben ihre Produkte, indem sie diese ein wenig lustiger machen. In diesem Sinne wird das Bewusstsein geweckt und der Nachhaltigkeitsaspekt betont, dass dieses Produkt nicht verschwendet, sondern verwendet werden sollte.

Also machen sie das Produkt sympathischer. Sie versuchen die negative Sicht auf das Produkt zu reduzieren.
Ja! Es gibt eine bekannte Gemüsekampagne, die zur Förderung mangelhafter Lebensmittel eingesetzt wurde. Es wurde dafür eine Kombination aus verschiedenen Marketingtaktiken verwendet: Einige konzentrieren sich auf das Bewusstsein, nicht zu viele Lebensmittel wegzuschmeißen. Andere konzentrieren sich mehr auf den ästhetischen Aspekt, dass man auch eine hässliche Karotte in der Suppe haben kann, weil es am Ende des Tages nichts ausmacht. Andere Taktiken arbeiteten mit Personifi zierung,
also mit dem Versuch, Sympathie für das Produkt zu schaffen, wie auch die Kromkommer-Initiative.
Was man in Supermärkten nicht so findet, sind Produkte, die eine Authentizitätsnachricht enthalten. Damit
meine ich, dass man die Natürlichkeit der Produkte betont: Sie sind auf natürliche Art und Weise gewachsen und sehen eben so aus. Wenn Sie selbst im Garten arbeiten, dann wissen Sie, dass die Produkte normalerweise nicht so wie im Supermarkt aus dem Boden kommen. Es gibt eine große Abweichung von dem, was im Garten wächst, und dem, was im Supermarkt zu finden ist. In diesem Sinne konzentrieren wir uns auf den Authentizitätsaspekt und erklären den Menschen, dass Obst und Gemüse natürlich und eben so sind, wie sie wachsen. Die Menschen werden sich dann bewusst, dass Obst und Gemüse eine natürliche Form oder Farbe hat – und dass das auch ein Grund dafür ist, dass die
Qualität des Produkts hoch ist.

Also dem Verbraucher wird klar: So sehen die Produkte in Wirklichkeit aus und nicht so, wie sie im Supermarkt zu sehen sind. Das bedeutet, dass unser Standard für Obst oder Gemüse zu hoch ist. Er ist nicht real.
Ja, wir haben die Qualitätsstandards über Jahre sukzessive erhöht. Es hat zum Beispiel mit der Größe der Produkte zu tun. Wenn die Kiwi oder der Apfel etwas zu klein sind, dann gilt das als »nicht gut genug« und
kann nicht im Supermarkt verkauft werden. Es hat auch damit zu tun, ob Flecken auf den Produkten sind oder ob sie gequetscht sind. Das sind sehr hohe Standards, und deshalb sieht man in den meisten Supermärkten nur diese perfekten, optimal aussehenden Produkte. Wenn man auf den Markt, in einen Bioladen oder zum Beispiel in einen türkischen Supermarkt geht, sieht man mehr Abweichungen zwischen den Produkten. Wenn Menschen die unterschiedlichen Formen und Dellen der Produkte kennen, dann wählen sie auch anders. Warum? Weil es dann eine Art Standard wird, eine neue Norm. Wenn jedoch nur ideale, optimal aussehende Produkte zu sehen sind, dann entscheiden sie sich auch für die Produkte, die am besten aussehen. In den letzten 30 Jahren sind diese strengen Qualitätsnormen extrem angestiegen. Heutzutage sind wir nicht mehr so sehr davon angetan, suboptimale Produkte im Supermarkt zu haben. Einige Supermärkte ändern das heutzutage.

Lesen Sie den gesamten Artikel in unserer Oktober-Ausgabe.

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