Warum der Einsatz der meisten psychologischen Tests zu Rechtsklagen bei der praktischen Fallbegutachtung führen kann

Zusammenfassung
In dem Beitrag wird herausgearbeitet, dass die Gütekriterien Eichung und Skalierung bei der Auswahl psychologisch-diagnostischer Verfahren zur Begutachtung einer Klientin bzw. eines Klienten rechtswirksam relevant sein können. Beide Gütekriterien werden durch die rechtsnächste Norm DIN 33430 direkt bzw. indirekt eingefordert. Sie sind damit bei allfälligen Prüfungen der Einhaltung der Sorgfaltspflicht der begutachtenden Psychologin bzw. des begutachtenden Psychologen bedeutsam. Was die Eichung betrifft, geht es insbesondere um die Aktualität der Eichtabellen. Bei der Skalierung geht es darum, dass die laut Verrechnungsvorschriften resultierenden Testwerte die empirischen Verhaltensrelationen adäquat abbilden; bestimmte Modelle der Item-Response-Theorie können dies untersuchen. Zwar ist es derzeit noch fraglich, ob im konkreten Streitfall ein Gericht die Anforderungen an Eichung und Skalierung eines psychologisch-diagnostischen Verfahrens als Fachstandard auffasst und nicht nur als fachlich subjektive Meinung des hinzugezogenen
Sachverständigen über die Best Practice, doch auf Letzteres oder womöglich darauf zu hoffen, es würde gar nicht zu Rechtsklagen kommen, erscheint schon heute riskant.

Einleitung
Vermutlich würde jede/r in der praktischen Fallbehandlung tätige Psychologin/Psychologe in Deutschland (und genauso in Österreich) mit viel Selbstbewusstsein behaupten, psychologische Begutachtungen mit höchster, nämlich berufsständisch gebotener Sorgfalt durchzuführen.
Und tatsächlich erfüllen wohl die meisten davon weitgehend die Anforderungen, wie sie zum Beispiel in den »Berufsethischen Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. und der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e.V. zugleich Berufsordnung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.« (in der von der  Delegiertenkonferenz bzw. der Mitgliederversammlung 2016 beschlossenen Fassung1) festgelegt sind.2 Dort heißt es vor allem: »Psychologinnen und Psychologen […] pflegen eine größtmögliche sachliche und wissenschaftliche Fundiertheit, Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit bei der Erstellung und Verwendung von Gutachten und Untersuchungsberichten.« Geht man allerdings etwas ins Detail, kommen Zweifel an der Einhaltung der damit erforderlichen »Sorgfaltspflicht «3 auf. Im vorliegenden Beitrag soll es ausschließlich um die Sorgfalt bei der Auswahl der konkret eingesetzten psychologisch-diagnostischen Verfahren bei der fraglichen Begutachtung gehen, und zwar nur,
soweit es einschlägig vertriebene Verfahren betrifft. Dabei interessiert noch gar nicht, ob solche Verfahren (also zumeist Tests und [Persönlichkeits-]Fragebögen) vielleicht besser statt der oder zumindest zusätzlich zu der tatsächlich verwendeten Exploration oder (gelegenheitsbasierten)
Verhaltensbeobachtung einzusetzen wären. Vielmehr geht es um den Fall, dass sich der/die
fallbehandelnde Psychologe/in bereits für den Einsatz eines solchen Verfahrens (oder mehrere) entschieden hat, weil er/sie von ihnen eine wissenschaftlich fundierte Messung erwartet. Es interessiert also im Folgenden (nur), ob die Auswahl des konkreten Verfahrens zur Messung der fallrelevanten Eigenschaft der psychologisch zu untersuchenden Person ausreichend sorgfältig erfolgt. Das nimmt Bezug zur Messtheorie im Allgemeinen und zur psychologischen Testtheorie im Besonderen, also der mathematisch-statistisch fundierten Theorie des Messens psychischer
Phänomene. Bekanntermaßen ergänzen diese Theorie im Sinne einer »Lehre zur Testkonstruktion«
bestimmte Gütekriterien, welche entsprechende Messinstrumente erfüllen müssen. Traditionell sind das Objektivität, »Reliabilität« bzw. Messgenauigkeit sowie Validität; des Weiteren werden unter anderem an die Eichung, also das Bezugssystem zur Relativierung des individuellen Testergebnisses, hohe Ansprüche gestellt (s. zu allem z. B. Kubinger, 2019). Aber nicht in jedem Fach- bzw. Lehrbuch wird dabei auf das eigentliche messtheoretische Gütekriterium Bezug genommen: die sogenannte Skalierung. »Ein Test erfüllt das Gütekriterium Skalierung, wenn die laut Verrechnungsvorschriften resultierenden Testwerte die empirischen Verhaltensrelationen adäquat abbilden« (Kubinger, 2019, S. 105; s. auch Kubinger, 2017a). Es geht um die Angemessenheit der im Manual eines Tests festgesetzten Reglementierung, wie die einzelnen Testleistungen einer Testperson zu einem numerischen Testwert zu verrechnen sind. Mit »Angemessenheit« ist dabei gemeint, dass faktische Gegebenheiten entsprechend repräsentiert werden. Da jeder (skalare) numerische Testwert vorgibt, er stufe den Grad nur einer einzigen Eigenschaft individuell ab, interessiert insbesondere, ob seiner
Bestimmung tatsächlich eine eindimensionale Messung zugrunde liegt und nicht, dem widersprechend, mehr als eine einzige Eigenschaft erfasst wird. Zum Beispiel ist denkbar, dass bei einem Test mit figuralem Material zur Messung der Fähigkeit des schlussfolgernden Denkens
die visuelle Differenzierungsfähigkeit mitverantwortlich dafür ist, ob es zur Lösung einer Aufgabe kommt oder nicht. Auf die beiden Gütekriterien Eichung und Skalierung soll nun hinsichtlich der erforderlichen Sorgfalt bei einer psychologischen Begutachtung Bezug genommen werden.

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