Wenn Warnungen ungehört verhallen

Es war einmal ein Hirtenjunge, der auf der Weide Schafe hüten musste. Eines Tages langweilte er sich und beschloss, seinen Mitmenschen einen Streich zu spielen. Er schrie: »Hilfe! Ein Wolf!«

Nicht wenige kennen diese Fabel, in der am Ende tatsächlich ein Wolf kommt und das Leben von Mensch und Tier bedroht. Und niemand mag mehr zu Hilfe eilen, denn alle glauben an einen falschen Alarm. In der Geschichte der Menschheit hat es schon viele falsche Prophezeiungen gegeben: Nur allzu oft sollte die Welt untergehen. Aber die Weltuntergänge blieben aus. Warum sollte also ausgerechnet zu unseren Lebzeiten etwas Gegenteiliges eintreten?

Spätestens mit der Industrialisierung hat die Menschheit begonnen, massiv Einfl uss auf das Klimasystem des Planeten zu nehmen. Seit dem Ende der 1970er-Jahre sind die Konsequenzen bekannt (vgl. Rich, 2018): Durch den zunehmenden Ausstoß von Treibhausgasen heizt sich die Erde auf. Vor dieser globalen Erwärmung und den damit einhergehenden klimatischen Veränderungen
warnt die Wissenschaft seit nunmehr rund 40 Jahren (vgl. aktuell: Lenton et al., 2019; Gardner & Wordley, 2019). Doch nur sehr verhalten laufen Maßnahmen an, die unsere Welt vor den laufenden und bevorstehenden Klimaveränderungen schützen. Und erst seitdem die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg lautstark und geduldig vor »dem Wolf« warnt, machen sich immer mehr Menschen tatsächlich Sorgen.

Warum hat das so lange gedauert? Und warum fällt es uns immer noch schwer, die drohenden Veränderungen ernst zu nehmen und laufende Veränderungen überhaupt wahrzunehmen? Wird es zu einer Ironie der Weltgeschichte, dass wir die wohl entscheidendste Warnung seit Beginn des Industrie- und Technologiezeitalters nicht ausreichend ernst genommen haben und so ein altes Märchen wahr wird (vgl. Marshall, 2015)?

Eigentlich sagen Greta Thunberg und die Klimabewegung etwas ziemlich Banales. Sie sagen, der menschengemachte Klimawandel sei ein Problem. Dazu gibt es einen starken wissenschaftlichen Konsens (97 Prozent: Cook et al., 2016; 100 Prozent: Powell, 2019). Und die Klimabewegung sowie zuletzt über 11.000 Wissenschaftler weltweit (vgl. Ripple, Wolf, Newsome, Barnard & Moomaw, 2019) fordern, dass etwas getan werden muss: den starken Ausstoß von Treibhausgasen möglichst
schnell zu beenden. Auch die politische Welt hat sich im Rahmen des Pariser Klimaabkommens von 2015 eigentlich darauf verständigt, diese Herausforderung anzunehmen.

Die Weltgemeinschaft weiß um die Gefahren, und sie weiß auch, was zu tun ist. Dennoch steigt der Ausstoß von Treibhausgasen weiter an (vgl. Ripple et al., 2019). Und diejenigen, die vor dem menschengemachten Klimawandel warnen, stehen von vielen Seiten in der Kritik. Weil sie zu radikal seien, weil sie zu apokalyptisch seien, weil sie von Ökonomie nichts verstünden, weil sie unsere Freiheiten einschränken würden, weil ihre Forderungen unsozial seien, weil doch alles nicht so
schlimm sei. Aktuelle psychologische Studien zeigen, dass die Konfrontation mit bedrohlichen Informationen zum Klimawandel sogar unerwünschte Nebeneffekte wie symbolische  Abwehrhandlungen haben kann, statt umweltbewusstes Verhalten zu fördern (Kapeller & Jäger,
2019; Uhl, Jonas & Klackl, 2016; Uhl, Klackl, Hansen & Jonas, 2017).

Skepsis, Widerstand, Bagatellisierung, Verdrängung – all diese Formen des defensiven Umgangs mit dem globalen Klimawandel, der Bewältigung der Klimakrise und ihrer prognostizierten existenziellen Folgen für Individuen und Gesellschaft lassen sich psychologisch erklären. Dabei scheint es nicht einen entscheidenden psychologischen Prozess zu geben. Verschiedene Bewältigungsstrategien
können, auch in Abhängigkeit von individuellen Ressourcen und kognitiven Schemata (z. B.
ökologische Selbstidentität, vgl. z. B. Kapeller & Jäger, 2019), eine Rolle spielen. Gemeinsam sind ihnen die Funktionen, unser subjektives Wohlbefinden (kurzfristig) aufrechterhalten und unseren Lebenskontext als stabil wahrnehmen zu können.

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