Gesellschaftliche Erwartungen und die Grenzen des Systems Schule

Im System Schule treffen drei unterschiedliche soziale Gruppen aufeinander: Lehrkräfte, Lernende und deren Eltern. Prof. Dr. Ellen Aschermann und Dr. Mark Heidrich zu typischen Konflikten und beraterischen Lösungsansätzen.

Eine Vielzahl von populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zeigt die Spannungsfelder zwischen Lehrenden, Lernenden und Eltern oft überspitzt auf: Letztere erleben demnach Schule als eine Institution, die die Bedürfnisse ihrer Kinder zu wenig wahrnimmt und fördert und ihre eigenen Ideen und Ängste hinsichtlich des Aufwachsens und des Bildungserfolges ignoriert. Die schulischen Inhalte schätzen Eltern als lebensfern bis irrelevant für »das wirkliche Leben« ein. Für Kinder und Jugendliche ist Schule zwar nicht automatisch ein Ort »täglicher Niederlagen« (Michael Ende), sondern vor allem der Ort, an dem relevante soziale Interaktionen stattfinden. Lehrkräfte sehen häufig zu gleichen
Teilen Beruf und Berufung in ihrem Tun, in dem sie sich nicht selten durch übertriebene gesellschaftliche Ansprüche oder die Einwände von sehr engagierten Eltern gebremst erleben.

In Beratungskontexten sind derartige schulische Problemlagen ein häufiges Anliegen. Im Folgenden werden einige grundsätzliche Konfliktlinien aufgezeigt, die jenseits der individuellen Belastungen bei einer konstruktiven Problemlösung bedacht werden können.

Konfliktlinie: Eltern – Lehrkräfte
Schule stellt eine Institution zwischen Familie und Gesellschaft dar, deren Aufgabe auch darin besteht, die grundlegenden Funktionsweisen des familiären Systems (Liebe, Unterstützung, Solidarität und Vertrauen) um die des gesellschaftlichen Systems (Regeleinhaltung, Gerechtigkeit, Zuständigkeiten, Absehen von Individuellem) zu erweitern und damit die Lernenden auf ein
selbstverantwortliches Leben in der Gesellschaft vorzubereiten.

Somit ist Schule im Vergleich zur Familie »zieldifferent« und als gesellschaftliche Institution auch emotional distanzierter, was Eltern häufig insofern besorgt, als sie fürchten, ihrem Kind würde nicht mit der notwendigen Wärme begegnet. Vor diesem Hintergrund bedeutet eine Gymnasialempfehlung auch immer eine implizit positive Rückmeldung an die Eltern, ihre Kinder richtig erzogen und ihnen somit die besten Chancen eingeräumt zu haben, selbstständig in der Gesellschaft zu bestehen. Bleibt diese Empfehlung aus, kann das als Kränkung missverstanden werden.

Lehrkräfte sehen sich in ihrer Arbeit oft von politischer Seite durch Erlasse und Bildungspläne eingeengt, sodass sie ihren Schülerinnen und Schülern nicht angemessen genügen können. Gerade »gestandene« Pädagoginnen und Pädagogen sind häufig im Sinne Adornos sozialisiert und bemühen sich nach Kräften, einen Rundum-Blick und eine reflektierte und kritische Haltung zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu vermitteln.

Lehrkräfte nehmen die Ansprüche von Eltern als zu wenig an den grundlegenden Bildungszielen orientiert, sondern stattdessen auf eine oberflächenorientierte Zertifikatsperspektive (»Mein Kind soll aber Abitur machen!«) ausgerichtet wahr. Der Wechsel von der Grund- zur weiterführenden
Schule ist für Eltern ein bedeutender Meilenstein, der im 21. Jahrhundert zu einem gesellschaftlichen
Scheideweg für späteres Lebensglück geworden zu sein scheint (Wippermann, Wippermann & Kirchner 2013).

Eltern sind pädagogische Laien und haben wenig Erfahrung mit den Stufen der nächsten Entwicklung ihrer Kinder. Lehrkräfte konnten dieses Wissen im Umgang mit vergangenen Schülerkohorten festigen und können auch den Bildungshorizont vor diesem Hintergrund professionell einschätzen und gestalten. Sie sind mit dem Interessenverlust und relativen Leistungsabfall während der Adoleszenz vertraut und können demzufolge diese Veränderungen auch als ein Produkt hirnorganischer und hormoneller Veränderungen einordnen. So gehen sie davon aus, dass Schülerinnen und Schüler in der Mittelstufe gelegentlich einmal einen Durchhänger haben (dürfen), denn nach der Pubertät geht es (meist) wieder aufwärts mit Interesse und Leistung.

Selbst wenn durch Lehrkräfte regelmäßig kommuniziert wird, dass Leistungseinbrüche »normal« sind, bleibt bei den Eltern die Sorge, dass es sich bei ihrem Kind nicht um ein vorübergehendes Phänomen handeln könnte. Darüber hinaus nehmen sie unter Umständen die Gelassenheit der Lehrkräfte als Unwilligkeit wahr, dieses Kind in besonderer Weise zu fördern.

Lesen Sie den gesamten Artikel in unserer März-Ausgabe.

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