»Es gibt kein Vertrauen ohne Risiko«

Als er vor rund 25 Jahren begonnen habe, Vertrauen zu erforschen, sei das Thema noch ein eher randständiges gewesen, meint Prof. Dr. Martin Schweer, Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta. Heute sei es aufgrund seiner gesellschaftlichen Relevanz in aller Munde, aber keineswegs weniger spannend.

Wie definiert sich Vertrauen aus psychologischer Sicht, bzw. was ist der Kern, der verschiedene Definitionen eint?
Vertrauen bedeutet für mich die erlebte Sicherheit, sich in die Hand anderer Personen oder Systeme begeben zu können. Das hat Auswirkungen auf damit verbundenes subjektives Wissen, auf das Fühlen und auf den konkreten Umgang mit der sozialen Umwelt. Viele der Definitionen, die wir finden, eint die Annahme, dass sich der Aufbau von Vertrauen über eine gewisse Zeitspanne erstreckt, wobei stets ein gewisses Risiko gegeben ist. Zudem benötigt Vertrauen Wechselseitigkeit: Es ist
schwer, jemandem mittel- und langfristig zu vertrauen, bei dem man unsicher ist, ob dieses Vertrauen erwidert wird. Das ist ähnlich wie in der Liebe.

Gibt es Unterschiede, je nachdem, welchen Lebensbereich man betrachtet?
Prinzipiell spielt Vertrauen in allen Lebensbereichen eine Rolle, also immer dann, wenn Menschen mit Systemen oder konkreten Personen interagieren. Allerdings kann das Maß des Vertrauens, das Menschen zu schenken bereit sind, über verschiedene Handlungsfelder hinweg sehr variieren, wobei es meist im sozialen Nahraum stärker ausgeprägt ist als im entfernteren. So vertraut man etwa innerhalb der Familie stärker als in Arbeitszusammenhängen. Ob eine Person grundsätzlich bereit ist, sich auf das Wagnis des Vertrauens einzulassen, hängt stark davon ab, welche Erfahrungen sie zuvor gemacht hat. Insofern ist es denkbar, dass Menschen im Umgang mit potenziellen Freundschaften sehr vertrauensselig sind, bei der Anbahnung einer partnerschaftlichen Beziehung
hingegen überhaupt nicht. Aus diesem Grund wird in meinen Augen die Vorstellung, Personen seien grundsätzlich und unabhängig von den jeweiligen Kontexten eher vertrauensvoll oder eher misstrauisch, der Komplexität unseres psychischen Apparats nicht gerecht.

Denken Sie nicht, dass es interindividuelle Unterschiede gibt?
Verstehen Sie mich nicht falsch, absolut gibt es Unterschiede. Aber die Annahme, dass Max stets misstrauisch und Petra immer vertrauensselig ist, ist mir schlichtweg zu einfach. Es bedarf eines differenzierteren Blicks.

Wie viel Grundvertrauen braucht es für Interaktionen, und wie baut sich weiteres
Vertrauen auf?

Zusätzlich zur individuellen Bereitschaft, sich in bestimmten Lebensbereichen auf eine potenziell vertrauensvolle Beziehung einzulassen, spielt der erste Eindruck vom Gegenüber eine wichtige Rolle. Das kennen Sie sicher selbst, wie unterschiedlich Sie sich verhalten, je nachdem, ob Ihnen ein Mensch unsympathisch oder sympathisch erscheint. Im letzteren Fall ist die Chance wesentlich größer, dass Sie einen ersten vorsichtigen Vorschuss aussenden, auf dem sich – eine positive Antwort vorausgesetzt – im weiteren Verlauf eine Vertrauensbeziehung aufbauen kann.

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