Wer kontrolliert die »digitale Welt«?

Plädoyer für eine entwicklungsdienliche Mediennutzung

Christa Schaffmann im Gespräch mit Prof. Dr. Andrea Kleeberg-Niepage über den »DigitalPakt Schule« sowie Ziele, Irrtümer und Risiken im Kontext des digitalen Lernens.

Nicht nur Eltern, Schülerinnen und Schüler, sondern auch viele Lehrkräfte beklagen den Zustand von Schulen. Es besteht ein riesiger Investitionsbedarf, Lehrkräfte fehlen, Quereinsteigerinnen und -einsteiger sollen die Lücken füllen. Zudem hat sich in den vergangenen Jahren ein wachsender Förderbedarf bei Schülerinnen und Schülern gezeigt. In dieser Situation hat die Bundesregierung 2019 den »DigitalPakt Schule« auf den Weg gebracht. Verdient das digitale Lernen diese Priorisierung?
Daran sind Zweifel durchaus berechtigt. Es ist für Politikerinnen und Politiker sicher angenehmer, das digitale Klassenzimmer zu entwerfen, als sich um übel riechende Schultoiletten zu kümmern. Und vielleicht ist es folgerichtig, Lerninhalte über Apps an die Schülerinnen und Schüler bringen zu wollen, statt sich um die Attraktivität des Lehrberufs zu kümmern oder die Frage zu beantworten,
wie schulische Inklusion für alle Beteiligten ein Gewinn sein könnte. Nachdenklich machen mich
die Unschärfe sowie einige Formulierungen in den entsprechenden Papieren.

Unschärfe inwiefern?
Unschärfe dahin gehend, was digitales Lernen, digitale Schule oder Bildung eigentlich sein sollen. Der »DigitalPakt Schule« nennt als Ziel der Digitalisierung die »Sicherung der Zukunfts- und Innovationsfähigkeit Deutschlands im internationalen Wettbewerb«. Hier zeigt sich ein Verständnis von Schule als Institution, die vorrangig Humankapital für das ökonomische System produzieren und nicht für eine umfassende Bildung sorgen soll. Der Satz wird zwar sozial eingekleidet, indem man formuliert: »Digitale Medien können das Lernen im Unterricht und außerhalb der Schule besser vernetzen und dazu beitragen, Bildungsbenachteiligung auszugleichen. « Aber: Abgesehen davon, dass mir persönlich eine veränderte Wirtschafts- und Sozialpolitik einfallen würde, um Bildungsbenachteiligung auszugleichen, bleibt völlig offen, wie dies nun ausgerechnet mit digitalen
Medien gelingen soll. Mir stellt sich die Frage, ob sich hinter solchen Formulierungen naive Fortschrittsgläubigkeit verbirgt oder ob es sich doch eher um eine Verschleierung des Umstands handelt, dass Digitalisierung von Schule zunächst einmal ein Milliardengeschäft für große Tech-Konzerne ist.

Laut »DigitalPakt« verspricht sich die Regierung von der Digitalisierung an Schulen in vielen Fächern einen anschaulicheren und praxisorientierteren Unterricht, der sich aktivierender gestalten ließe.
Ich entdecke in dem Papier vor allem unkonkrete Absichtserklärungen, die darüber hinaus sinnfreie Schlagworte und unbelegte Behauptungen aneinanderreihen. Die von Ihnen zitierte Formulierung bedeutet zunächst einmal, dass der Unterricht in vielen Fächern offenbar nicht anschaulich, praxisorientiert und aktivierend genug ist und dass digitale Medien hier Abhilfe schaffen können. »Können« ist dabei das entscheidende Verb, denn ob und wie das in Aussicht Gestellte tatsächlich
gelingen soll, bleibt offen.

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