Angst hält Schmerzen wach

Die Angst vor Rückenschmerzen wirkt sich auf die Bewegungen der betroffenen Personen aus – und kann so zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen. Zu diesem Schluss kamen Forscher des Universitätsspitals Lausanne.

Die meisten Menschen verspüren mindestens einmal im Leben Schmerzen im Rücken. Das Tragen von schweren Gegenständen, eine schlechte Körperhaltung, Stress oder auch Bewegungsmangel gelten als die üblichen Ursachen dieser Erkrankung. In der Regel legen sich die Beschwerden innerhalb von sechs bis zwölf Wochen. Doch bei einigen wird die Krankheit chronisch. Die Gründe dafür sind bisher jedoch weitgehend unbekannt. Wissenschaftler des Universitätsspitals Lausanne (Schweiz) untersuchten in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Québec (Kanada) nun, welche Rolle die Angst bei der Chronifizierung von Rückenschmerzen spielt.
In ihrem Versuch baten sie 22 gesunde Personen und 22 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, den Oberkörper nach vorne zu beugen und sich anschließend wieder aufzurichten. Dabei verabreichten die Forscher ihren Probanden Temperaturreize in verschiedenen Intensitäten im unteren Rückenbereich: von schmerzlos, über leicht schmerzhaft bis schmerzhaft. Vor jedem Hitzereiz wurde den Teilnehmern mitgeteilt, wie stark der Schmerz sein würde. Während des gesamten Experiments maßen die Forscher die Rumpfbewegungen und die Muskelaktivität im Lendenwirbelbereich. Zudem schätzten die Teilnehmer selbst die Intensität der Schmerzreize auf Ratingskalen ein.
Das Ergebnis: Der größte Effekt der angekündigten Schmerzintensität war bei gesunden Personen zu beobachten. Je stärker der zu erwartende Schmerz, desto ausgeprägter war bei ihnen auch die Anspannung der Muskeln. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen hingegen war dieser Effekt nur in sehr geringem Ausmaß zu beobachten.
Die Wissenschaftler erklären sich dies dadurch, dass letztere Probanden auch bei an sich schmerzlosen Hitzereizen Schmerzen erwarteten. Dies führe dazu, dass ihre Bewegungsstrategie festgefahren sei – sie passten sich weniger ihrer Umwelt an. Somit seien sie in einem Teufelskreis gefangen: Sie fürchteten den mit der Bewegung verbundenen Schmerz, schränkten dadurch ihre Beweglichkeit ein und verhinderten so, dass der Schmerz nachlasse. Dies erkläre zumindest teilweise, warum gewisse Rückenleiden chronisch werden.
Ein weiterer interessanter Befund der Studie: Bei einem Teil der Rumpfbeugeübungen beeinflussten die Forscher die Erwartungen der Teilnehmer mit falschen Informationen: Auf die Ankündigung eines geringen Hitzegrades ließen sie einen schmerzhaften Hitzereiz folgen. Sowohl die gesunden als auch die unter Rückenschmerzen leidenden Probanden empfanden den Hitzereiz dadurch als weniger schmerzhaft. Auch dies weist auf die Bedeutung hin, die die Psyche bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Schmerzen hat.

Literatur
Henchoz, Y., Tétreau, C., Abboud, J., Piché, M. & Descarreaux, M. (in press). Effects of noxious stimulation and pain expectations on neuromuscular control of the spine in patients with chronic low back pain. The Spine Journal.

Quelle: Schweizerischer Nationalfonds SNF
Foto © Techniker Krankenkasse

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