Arbeitsunfähigkeit frühzeitig vorbeugen

Psychosomatische Sprechstunden am Arbeitsplatz erreichen Betroffene frühzeitig und ermöglichen einen besseren Zugang zu Therapien. Dies bestätigten Forscher der Universität Ulm.

Schätzungsweise jeder zweite deutsche Erwachsene ist mindestens einmal im Leben von einer psychischen Störung, wie etwa einer Depression oder Angststörung, betroffen. Doch längst nicht alle, die unter einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung leiden, erhalten professionelle Hilfe. Und vor allem nicht zeitig genug, was die Behandlung letztlich erschweren kann. Nicht zuletzt deshalb kommt es bei Betroffenen, die im Berufsleben stehen, zu langen Fehlzeiten, zur Arbeitsunfähigkeit oder zur Frühberentung. Doch wie könnte ein besserer Zugang zu Therapiemöglichkeiten und damit ein frühzeitiger Behandlungsbeginn ermöglicht werden?

Schnittstelle betriebsärztliche Versorgung


Wissenschaftler der Universität Ulm entwickelten und testeten nun ein neues Versorgungsmodell: psychosomatische Sprechstunden am Arbeitsplatz. Damit setzten sie an der Schnittstelle zwischen betriebsärztlicher Betreuung und bestehenden ambulanten Angeboten an: Im Rahmen eines Konsiliarmodells konnten Betriebsärzte bei Bedarf einen Psychotherapeuten hinzuziehen.

Vergleich der Nutzer neuer und etablierter Angebote


Betrachtet wurden während des Untersuchungszeitraums insgesamt 370 Personen: 174 von ihnen hatten die psychosomatische Sprechstunde in Anspruch genommen. Die restlichen Untersuchungsteilnehmer hatten eine Ambulanz an einer psychosomatischen Klinik aufgesucht. Alle Personen beantworteten Fragen über ihre Lebensqualität, ihre psychische Gesundheit, ihre Arbeitsfähigkeit und den erlebten arbeitsbedingten Stress.

Niederschwelliges Angebot


Es zeigte sich, dass es vor allem Befragungsteilnehmer mit deutlich schlechterer physischer und psychischer Gesundheit waren, die die etablierte Ambulanz einer Klinik aufsuchten. Die Sprechstunde im Betrieb hingegen erreichte vor allem Personen, die durch ihre seelischen Probleme bislang nur wenig in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt waren. Auffällig zudem: Die Betriebssprechstunde wurde von verhältnismäßig mehr Männern genutzt als dies bei klassischen ambulanten Angeboten der Fall war.

Bislang unterversorgte Gruppen erreicht


Die Wissenschaftler folgern, dass die psychosomatische Sprechstunde am Arbeitsplatz nicht nur gut angenommen wird und damit eine Alternative zu etablierten Ambulanzen im bestehenden Versorgungssystem darstellt – sie bietet vor allem einen niederschwelligen Zugang zu Therapiemöglichkeiten. Damit könnte sie auch Patienten helfen, die bislang nur unter leichten psychischen Störungen leiden. Zudem scheint sie die bislang unterversorgte Gruppe betroffener Männer zu erreichen.

Literatur

Rothermund, E., Kilian, R., Rottler, E., Mayer, D., Hölzer, M., Rieger, M.A. et al. (2017). Improving access to mental health care by delivering psychotherapeutic care in the workplace: A cross-sectional exploratory trial. PLoS ONE, 12 (1), e0169559.

16. Februar 2017

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Pixalot – Fotolia.com


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