Babys erfassen Hilfsbedürftigkeit anderer

Bereits Säuglinge erkennen, wenn andere Menschen sich in einer misslichen Lage befinden. Zu diesem Schluss kamen Entwicklungspsychologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in einer aktuellen Studie.

Menschen helfen einander – im Idealfall jedenfalls – und dieses Verhalten wird bereits sehr früh im Leben erlernt. Etwa im zweiten Lebensjahr beginnen Kinder, andere zu unterstützen. So bringen sie zum Beispiel bereitwillig Gegenstände zu anderen, wenn diese sie nicht selbst erreichen können. Bisher war jedoch unklar, ob dieses frühe Hilfeverhalten wirklich am Bedürfnis anderer orientiert ist. Denn möglich ist auch, dass Kinder gar nicht verstehen, dass jemand Hilfe braucht, sondern lediglich Gegenstände reichen, um mit der betreffenden Person in Kontakt zu treten und eine Interaktion zu beginnen.

Zeichentrickfiguren, die Hilfe benötigen

Diese offene Frage beleuchteten nun Entwicklungspsychologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gemeinsam mit Studenten der Universität Osnabrück. In ihrem Versuch zeigten sie insgesamt 71 Babys und Kleinkindern im Alter von neun bis 18 Monaten kurze Zeichentrick-Videoclips. Die Kinder beobachteten in den Videos zwei Figuren, die gleichzeitig nach einem Ball greifen. Für eine der beiden Figuren ist der Ball allerdings außer Reichweite hinter einer Barriere. Schließlich erscheint ein „Helfer“, der einer der beiden Figuren den Ball reicht.

Säuglinge und Kleinkinder verstehen Hilfsbedürftigkeit

Mit Hilfe einer Eye-Tracking-Kamera zeichneten die Psychologen das Blickverhalten der Kinder auf. Wohin diese blickten und wie lange sie ihren Blick dort verweilen ließen, erlaubte den Wissenschaftlern Rückschlüsse darauf, wie sie das Gesehene geistig verarbeiteten.

Die Ergebnisse zeigten: Die Kinder schauten in dem Moment, in dem der „Helfer“ aktiv wurde, häufiger zu der Figur, die tatsächlich Hilfe benötigte. Reichte der „Helfer“ jedoch dann der anderen Figur den Ball, betrachteten sie die Szene umso länger. Dies lasse, nach Ansicht der Forscher, den Schluss zu, dass die Kinder die Szene verstanden und folglich erwarteten, dass der „Helfer“ die Figur unterstützt, die den Ball nicht erreicht.

Frühes prosoziales Verhalten

Die Forscher gehen daher davon aus, dass Kinder bereits im ersten Lebensjahr, also in einem Alter, in dem sie noch gar nicht selbst helfen können, vergleichbare Situationen erfassen. Dies deute darauf hin, dass das Hilfeverhalten, das bei Kindern ab dem zweiten Lebensjahr beobachtet wurde, tatsächlich an den Bedürfnissen anderer orientiert und somit prosozial motiviert ist.

Literatur

Köster, M., Ohmer, X., Nguyen, T.D. & Kärtner, J. (in press). Infants understand others’ needs [Abstract]. Psychological Science.

10. März 2016
Quelle: Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Bild: © Psychological Science


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