„Beende dein Schweigen, nicht dein Leben“ – Projekt zur Suizidverhütung bei jungen türkischen Migrantinnen

Junge Frauen aus türkischstämmigen Familien in Deutschland begehen etwa doppelt so oft einen Suizidversuch wie Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Zu den Ursachen gibt es gut begründete Vermutungen, aber bisher nur wenig wissenschaftliche Fakten. Ein vom Bundesforschungsministerium finanziertes Vorhaben unter Führung der Psychiatrie der Charité Berlin (Campus Mitte) untersucht nun die genaueren Zusammenhänge. 

Generell sind in Deutschland die Suizidraten bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund niedriger als bei Einheimischen. Internationale Statistiken zeigen, dass die Rate auch nach Auswanderung der des Herkunftslandes entspricht. Fachleute gehen davon aus, dass der größere Zusammenhalt in der türkischen Gesellschaft sowie religiöse Verbote für die dort geringere Selbsttötungsgefahr ursächlich sind. Erschreckenderweise ist dies bei türkischen Mädchen und jungen Frauen aber anders: Die Häufigkeit von versuchten und vollendeten Suiziden ist bei ihnen annähernd doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen aus deutschen Familien. Die Verzweiflungstat passiert zudem durchschnittlich in einem früheren Lebensalter.

Unbestritten ist, dass neben biologischen auch seelische und soziale Faktoren bei der „Anfälligkeit“ für Suizide eine Rolle spielen. Migration kann dies verstärken, und zwar auch bei Frauen der 2. und 3. Einwanderergeneration. Gerade für junge Frauen aus türkischstämmigen Familien ist der Konflikt zwischen traditioneller Rollenerwartung und moderner Lebensform im Aufnahmeland eine oft nur schwer lösbare Belastung, z.B. wenn eine Liebesbeziehung von Eltern und männlichen Familienmitgliedern nicht akzeptiert wird. Hinzu kommt oft die Erfahrung von familiärer Gewalt sowie von Stigmatisierung und Ausgrenzung durch die deutsche Gesellschaft. Ferner sind die Vorstellungen und Erklärungsmodelle zu seelischen Krankheiten zwischen den verschiedenen Gesellschaften
 oft sehr unterschiedlich. Womöglich ist dies – neben sprachlichen und sozialen Barrieren – eine Erklärung dafür, dass Menschen mit Migrationshintergrund Angebote des Gesundheitssystems weniger wahrnehmen, und das betrifft ganz besonders psychotherapeutische Einrichtungen.

Insgesamt aber sind die Daten zur Suizidalität von türkischen Migrantinnen in Deutschland und anderen europäischen Ländern recht lückenhaft. In der ersten Phase des Forschungsprojektes werden deshalb Daten zu Suizidversuchen und –gründen in Berlin und Hamburg gesammelt. 
 In Berlin werden sowohl Multiplikatoren mit gutem Zugang zur Zielgruppe, als auch Mitarbeiterinnen aus Medizin, Pflege, Psychologie und Sozialpädagogik als Ansprechpartnerinnen für suizidgefährdete Mädchen und junge Frauen trainiert. Ferner wird eine Hotline für Hilfesuchende eingerichtet, und zwar beim Berliner Krisendienst (Region Mitte). In dringenden Fällen wird auf eine spezielle Sprechstunde der Psychiatrischen Uniklinik der Charité hingewiesen, die im St. Hedwig-Krankenhaus angesiedelt ist.

Am 22. Juni 2010 beginnt zudem – als fester Bestandteil des Forschungsprojektes – eine sechs Monate dauernde Medienkampagne. Damit sollen zum einen türkischstämmige Berliner Frauen mit Suizidgedanken ermutigt werden, die Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen und sich beispielsweise an die Telefonhotline zu wenden. Zum anderen soll die allgemeine Öffentlichkeit – insbesondere aber Familien mit türkischem Migrationshintergrund – für das Problem sensibilisiert und darüber informiert werden, dass es Hilfsmöglichkeiten gibt.
 In einer abschließenden Phase werden die beteiligten Wissenschaftler auswerten, wie weit solche Interventionen die Häufigkeit von Suizidversuchen bei jungen Frauen aus türkischstämmigen Familien verringern können. Die Projektverantwortlichen hoffen, dass sich diese Erfahrungen und Erkenntnisse auch auf andere Gruppen und Regionen übertragen lassen.

10. Juni 2010