Bitte nichts verraten!

Wenn es um die eigene Zukunft geht, wollen die meisten lieber nichts wissen, fanden Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung heraus.

Im Film "Das brandneue Testament" wird allen Menschen eine Kurznachricht auf ihr Handy gesendet, die den genauen Zeitpunkt ihres jeweiligen Todes nennt – mit entsprechend weitreichenden Folgen. Was wäre, wenn uns wirklich jemand sagen könnte, wann wir sterben müssen? Oder wie unser zukünftiges Leben verlaufen wird? Würden wir es hören und wissen wollen? Diesen Fragen ging Psychologie-Preisträger Prof. Dr. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zusammen mit einem Kollegen von der Universität Granada (Spanien) in einer aktuellen Studie nach.

Positive und negative Ereignisse in der Zukunft


Grundlage waren die Daten zweier nationaler, repräsentativer Erhebungen mit mehr als 2.000 Erwachsenen in Deutschland und Spanien, in denen die Teilnehmer zu einer Reihe von möglichen Ereignissen – positiven wie negativen – befragt wurden: zum Beispiel, ob sie wissen wollten, welche Mannschaft ein Fußballspiel gewinnt, das sie später noch sehen wollten, was sie zu Weihnachten geschenkt bekommen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, oder ob ihre Ehe in einer Scheidung endet.

Lieber nichts wissen


Es zeigte sich, dass nur ein Prozent aller Befragten konsequent wissen wollen würde, was die Zukunft an guten und schlechten Ereignissen für sie bereithält. 86 bis 90 Prozent der Menschen in beiden Ländern wollten zumindest über bevorstehende negative Ereignisse lieber nichts wissen. Immerhin 40 bis 77 Prozent bevorzugten zudem, auch über zukünftige positive Begebenheiten im Ungewissen zu bleiben. Lediglich das Geschlecht des eigenen ungeborenen Kindes bildete eine Ausnahme: Dieses wollte die Mehrzahl der Befragten vorab wissen; nur 37 Prozent wollten sich lieber überraschen lassen.

Willentliche Ignoranz


Die meisten Menschen zogen es also vor, auf Wissen über ihre persönliche Zukunft zu verzichten. „Willentliche Ignoranz“ (deliberate ignorance) nennen die Wissenschaftler diese Haltung. Dahinter stehe das Bestreben, mögliches Leid und Bedauern zu umgehen, welches das Wissen über die Zukunft mit sich bringen könnte. Gleichzeitig gehe es darum, sich die freudige Spannung von schönen Erlebnissen zu erhalten.

Je näher das Eintreten, desto größer die Ignoranz


Die Daten zeigten zudem, dass Menschen, die ihre Zukunft nicht kennen möchten, risikoscheuer sind und häufiger Lebens- und Rechtsschutzversicherungen kaufen als diejenigen, die gerne einen Blick in die Zukunft werfen würden. Nach Ansicht der Forscher legt dies nahe, dass Menschen, die Wissen über die Zukunft willentlich ignorieren, erwarten, unangenehme Nachrichten zu erhalten. Auch der Zeitpunkt, an dem ein Ereignis in der Zukunft eintreten könnte, spielte eine Rolle: Je näher das mögliche Eintreten in der Zukunft lag, desto weniger wollten die Befragten etwas darüber wissen.

Literatur

Gigerenzer, G. & García-Retamero, R. (2017). Cassandra's regret: The psychology of not wanting to know [Abstract]. Psychological Review, 124 (2), 179–196.

16. März 2017

Quelle: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Symbolfoto: © Susanne Koch


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