Das gute schlechte Gedächtnis

Psychologen der Universitäten Konstanz und Regensburg entdecken neuronale Mechanismen des intendierten Vergessens.

Vergessen und Vergesslichkeit haben nicht gerade den besten Ruf. Doch entgegen der allgemeinen Wahrnehmung ist das Vergessen nicht immer nur als eine Schwäche oder Fehlfunktion des Gedächtnisses anzusehen, sondern auch als eine wichtige und hilfreiche Gehirnfunktion. Denn natürlich ist es wenig sinnvoll, Informationen zu erinnern, die veraltet oder nicht mehr relevant sind – wie beispielsweise alte Adressen und Telefonnummern oder vergangene Termine. Es gibt daher Steuerungsprozesse des Gehirns, die helfen, irrelevante Informationen willentlich auszublenden und zu ersetzen. Diese untersuchten Psychologen der Universitäten Konstanz und Regensburg in einer aktuellen Studie.
In einem ersten Experiment wurden Versuchspersonen aufgefordert, zuvor eingeprägte Informationen durch neue zu ersetzen, also irrelevante Informationen willentlich zu vergessen beziehungsweise sie gegen aktuellere Inhalte auszutauschen. Mit Hilfe von Magnetresonanztomographie (MRT) und Elektroenzephalographie (EEG) wurde währenddessen die Gehirnaktivität der Probanden gemessen.
Es zeigte sich, dass während des Vergessens der Sauerstoffverbrauch im linken dorsolateralen präfrontalen Kortex anstieg – einer Gehirnregion, die als Steuerzentrale des Gehirns gilt und eine wichtige Rolle bei der Handlungsregulation, aber auch beim Unterdrücken von Informationen spielt. Zugleich registrierten die Forscher, dass die Synchronisation elektrischer Signale zwischen Neuronengruppen zurückging. Die Synchronisation von Neuronengruppen bildet im Gehirn normalerweise die Grundlage des Informationsaustauschs zwischen weit verbreiteten Zellverbänden.
Über eine elektro-magnetische Stimulierung des präfrontalen Kortex’ konnten die Wissenschaftler in einem zweiten Versuch schließlich auch einen direkten Zusammenhang nachweisen: Der linke dorsolaterale präfrontale Kortex scheint im Rahmen willentlicher Vergessensprozesse die neuronale Synchronisation des Gehirns herunter zu regulieren – was bei den Versuchspersonen zu einem ausgeprägten Vergessen führte. Die Forscher konnten somit erstmalig die Steuerungsprozesse nachweisen, die der Regulierung der Erinnerungs- und Vergessensleistung des Gehirns zugrunde liegen.

Literatur
Hanslmayr, S., Volberg, G., Wimber, M., Oehler, N., Staudigl, T., Hartmann, T. et al. (2012). Prefrontally driven downregulation of neural synchrony mediates goal-directed forgetting. The Journal of Neuroscience, 32 (42), 14742-14751.

 

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft

 

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