Dein Stress ist mein Stress

Das Beobachten stressiger Situationen allein kann eine körperliche Stressantwort auslösen. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Akuter und vor allem chronischer Stress gilt heute als einer der wichtigsten Krankheitsauslöser. Er wird mit verschiedenen psychischen Problemen, wie etwa Burn-out, Depression oder Angstzuständen, in Verbindung gebracht. Und auch Menschen, die selbst ein relativ entspanntes Leben führen, kommen doch immer wieder mit gestressten Personen in Berührung. Ob und wie Stress auf die Umwelt abfärben kann, untersuchten Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften nun in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden.
Im Rahmen eines Experiments absolvierten insgesamt 151 Probanden einen Stresstest – ein Vorstellungsgespräch, in dem auch schwierige Kopfrechenaufgaben zu lösen waren –, während zwei vermeintliche Verhaltensanalysten ihre Leistung beurteilten. 211 andere Versuchspersonen beobachteten die gestressten Personen: entweder durch einen Einwegspiegel oder auf einem Bildschirm, auf den das Geschehen per Kamera übertragen wurde.
Es zeigte sich, dass nur etwa fünf Prozent der direkt gestressten Probanden sich nicht aus der Ruhe bringen ließen: Alle anderen wiesen eine physiologisch bedeutsame Erhöhung ihres Kortisol-Spiegels auf. Zudem zeigten auch insgesamt 26 Prozent der Beobachter, die selbst keinerlei Stress ausgesetzt waren, einen physiologisch bedeutsamen Anstieg von Kortisol. Konnten sie das Geschehen direkt verfolgen, reagierten 30 Prozent gestresst. Aber selbst wenn der Stresstest nur auf dem Bildschirm zu sehen war, reichte das aus, um bei 24 Prozent der Beobachter den Kortisol-Spiegel in die Höhe zu treiben. Mit 40 Prozent besonders stark war der Effekt zudem, wenn Beobachter und gestresste Person eine partnerschaftliche Beziehung verband. Doch auch bei völlig fremden Menschen sprang der Stress immerhin noch auf zehn Prozent der Beobachter über. Emotionale Verbundenheit, so folgern die Wissenschaftler, sei demnach keine Voraussetzung für empathischen Stress.
Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass Stress ein enormes Ansteckungspotenzial habe – nicht nur gefühlt, sondern auch körperlich messbar als erhöhte Konzentration des Stresshormons Kortisol. Da diese körperliche Reaktion auf Dauer krank mache, sei empathisch vermittelter genauso wie selbst erlebter Stress ein nicht zu vernachlässigender Faktor für das Gesundheitswesen. Besonders Menschen in Helferberufen oder Angehörige dauergestresster Personen seien wahrscheinlich von potenziell schädlichen Konsequenzen empathischen Stresses besonders betroffen. Wer ständig direkt mit dem Leid und Stress anderer konfrontiert werde, habe ein erhöhtes Risiko auch selbst darunter zu leiden.
In weiteren Studien wollen die Wissenschaftler ergründen, wie genau der Stress übertragen wird und was getan werden kann, um den negativen Einfluss von Stress auf die Gesellschaft zu verringern.

Literatur
Engert, V., Plessow, F., Miller, R., Kirschbaum, C. & Singer, T. (in press). Cortisol increase in empathic stress is modulated by social closeness and observation modality. Psychoneuroendocrinology.

 

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft
Foto © 184; Stress level: Midnight / Sara V., Sara. Nel  / flickr.com unter CC BY 2.0

 

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