Depression als Lebenshelfer?

Eine experimentelle Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena wirft die Frage auf: Können depressive Patienten sich leichter von unerreichbaren Zielen lösen als gesunde Menschen?

Nicht aufgeben, am Ball bleiben, es weiter versuchen – nur mit der richtigen Motivation, so lernen wir bereits im Kleinkindalter, werden wir unsere Ziele erreichen. Das mag in vielen Fällen zutreffen. Allerdings können mit dieser Philosophie zu ehrgeizige Pläne auch zur Falle werden – nämlich dann, wenn die verfolgten Ziele gar nicht erreichbar sind. Manche Menschen entwickeln aus einem solch vergeblichen Bemühen heraus eine Depression: Dass das Ziel in weiter Ferne bleibt, egal wie sehr man sich müht, gibt ihnen das Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust.

Laborexperiment mit Buchstabenrätseln


In einem Experiment ließen Psychologen der Universität Jena nun depressive und gesunde Probanden Worträtsel lösen: Sie sollten die Buchstaben verschiedener Anagramme, wie etwa „SESWIN“ („WISSEN“), in die richtige Reihenfolge bringen. Was die Probanden nicht wussten: Manche der Anagramme waren nicht lösbar, die Buchstaben ergaben kein sinnvolles Wort – und repräsentierten damit unerreichbare Ziele, von denen es galt, sich möglichst frühzeitig zu lösen, um die Spielzeit effektiv zu nutzen.

Depressive geben eher auf – zu ihrem Vorteil


Es zeigte sich, dass die depressiven Patienten insgesamt signifikant weniger Zeit für die unlösbaren Anagramme aufwendeten als die Kontrollgruppe – während sich die Bearbeitungszeiten für die lösbaren Aufgaben nicht unterschieden.
Auch wenn es sich im Experiment um einen sehr einfachen Aufgabenbereich handelte, sehen die Jenaer Psychologen in diesem Ergebnis Anhaltspunkte für einen veränderten Blick auf die Depression: Aus dem generellen Motivationsdefizit, das für viele depressive Patienten typisch sei, resultiere offenbar eine höhere Zielablösefähigkeit – und damit ein psychologischer Vorteil.

Chance zur persönlichen Weiterentwicklung


Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass man sich dies in der Therapie zunutze machen kann, etwa indem man die Ablösung von unerreichbaren Lebenszielen, die in die Depression geführt haben, gezielt unterstützt. Allerdings bedürfe es dazu zunächst noch deutlich mehr Forschung zu dieser Thematik.

Literatur
Koppe, K. & Rothermund, K. (2017). Let it go: Depression facilitates disengagement from unattainable goals [Abstract]. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 54, 278–284.

28. Februar 2017

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Symbolfoto: © Jan-Peter Kasper/FSU


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