Depression verändert das subjektive Zeitempfinden

Bei Menschen mit Depression zeigen sich Unterschiede zwischen der allgemeinen subjektiven Einschätzung des Zeitflusses und der konkreten Schätzung von Zeitintervallen.

Manchmal verfliegen die Stunden nur so, manchmal scheint die Zeit überhaupt nicht vergehen zu wollen: Immer abhängig davon, womit wir gerade beschäftigt sind. Depressive Menschen allerdings scheinen grundsätzlich ein anderes Zeitempfinden zu haben als gesunde. Darauf deuten Aussagen von Patienten hin, wonach für sie die Zeit generell nur quälend langsam vergeht oder gar stillzustehen scheint. Psychologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz werteten in einer aktuellen Metaanalyse nun entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen aus – und brachten so bisher widersprüchliche Befunde zusammen.

Zeitempfinden und Zeitintervalle

In die Analyse wurden 16 Einzelstudien mit insgesamt 433 depressiven Probanden und 485 nicht depressiven Kontrollpersonen einbezogen, die zwischen 1977 und heute erschienen waren. Darin war nicht nur das subjektive Zeitempfinden erfasst worden, sondern auch die Fähigkeit zur Abschätzung verschiedener Zeitintervalle: Die Probanden hatten beispielsweise die Aufgabe, die Länge eines Films in Minuten anzugeben, fünf Sekunden lang auf eine Taste zu drücken oder die Dauer von zwei unterschiedlich langen Tönen zu unterscheiden.

Gefühl und externe Ereignisse

Es zeigte sich, dass die befragten depressiven Personen im Vergleich zu den gesunden Probanden tatsächlich von einem veränderten subjektiven Zeitempfinden berichteten: Die Zeit verstrich für sie langsamer. Wenn es jedoch darum ging, konkrete Zeitintervalle abzuschätzen, gelang ihnen das im Durchschnitt genauso gut wie Gesunden. Offensichtlich ist, so schließen die Forscher, das subjektive Zeitempfinden für depressive Menschen etwas anderes als die Schätzung der Dauer eines externen Ereignisses.

Bisher ist die Datenlage in diesem Themenfeld vergleichsweise dünn, dennoch gehen die Wissenschaftler auf Grundlage ihrer Ergebnisse davon aus, dass in künftigen Studien deutlich zwischen einer subjektiven Beurteilung des Zeitflusses und der Schätzung von präzise definierten Zeitintervallen unterschieden werden müsse.

Literatur

Thönes, S. & Oberfeld, D. (2015). Time perception in depression: A meta-analysis [Abstract]. Journal of Affective Disorders, 175, 359-372.

19. März 2015
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto: © Annika Strupkus


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