Der Nocebo-Effekt der Medien

Medienberichte, die vor Gesundheitsrisiken warnen, können Krankheitssymptome auslösen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie zum Phänomen der elektromagnetischen Hypersensitivität von Forschern der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Immer wieder berichten die Medien über Gesundheitsrisiken, die von elektromagnetischen Feldern, wie etwa denen von Handys, Mobilfunk-Sendemasten oder dem WLAN, ausgehen. Menschen, die nach eigener Einschätzung auf diese Felder sensibel reagieren, leiden unter Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel und brennender oder kribbelnder Haut. Vereinzelt ziehen sie sich aufgrund ihrer elektromagnetischen Hypersensitivität von ihrer Arbeit und ihrem sozialen Umfeld zurück oder erwägen sogar Umzüge in abgeschiedene Regionen, um elektrische Anlagen und deren Emissionen ganz zu meiden. Tests zeigten allerdings, dass Betroffene nicht unterscheiden können, ob sie tatsächlich elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind oder nicht, und dass die beschriebenen Symptome von einer Scheinexposition ebenso ausgelöst werden können wie von realer Strahlung. Diese Reaktion entspricht dem aus Arzneimittel-Studien bekannten Nocebo-Effekt: Probanden zeigen mitunter Nebenwirkungen auch dann, wenn sie gar kein Medikament, sondern ein Placebo erhalten haben. Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz untersuchten nun den Zusammenhang zwischen Medienberichten zur Wirkung elektromagnetischer Felder und der Entwicklung von Krankheitssymptomen.
Im Rahmen der Studie wurde 147 Testpersonen zunächst ein Fernsehbericht gezeigt. Ein Teil der Versuchsteilnehmer sah einen Dokumentarfilm, in dem teilweise drastisch über die Gesundheitsgefahren von Mobilfunk- und WLAN-Signalen berichtet wurde. Der andere Teil schaute einen Bericht über die Sicherheit von Internet- und Handy-Daten. Anschließend wurden alle Probanden einem WLAN-Scheinsignal ausgesetzt, von dem sie jedoch annehmen konnten, dass es echt sei. Obwohl in Wirklichkeit keine Strahlung vorhanden war, entwickelte ein Teil der Probanden die typischen Symptome der elektromagnetischen Hypersensitivität: 54 Prozent der Testpersonen berichteten über Beunruhigung und Beklemmung, Beeinträchtigung ihrer Konzentration oder Kribbeln in den Fingern, Armen, Beinen und Füßen. Zwei Teilnehmer beendeten den Test vorzeitig, weil ihre Symptome so stark waren, dass sie sich nicht länger der vermeintlichen Strahlung aussetzen wollten.
Die stärksten Symptome zeigten Personen mit erhöhter Ängstlichkeit, die vor der Scheinexposition den Dokumentarfilm über die Gefahren von elektromagnetischer Strahlung gesehen hatten. Diese waren zudem eher bereit, ihre Symptome auf die vermeintliche Strahlung zurückzuführen und hielten sich eher für hypersensitiv. Generell zeigten die Probanden, die den Dokumentarfilm über die Gefahren elektromagnetischer Felder gesehen hatten, verstärkt Ängste bezüglich dieser Emissionen.
Die Wissenschaftler schließen aus ihren Ergebnissen, dass allein die durch Medienberichte hervorgerufene Erwartung einer Schädigung bei empfindlichen Menschen zu Symptomen führen könne. Dabei wirke die Suggestion von Gesundheitsgefahren aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur kurzfristig, sondern könne auch langfristig dazu führen, dass Menschen in bestimmten Situationen mit Symptomen reagierten. Aus diesem Grund sei es wichtig, dass die Medien verantwortungsvoll mit Warnungen vor Gesundheitsrisiken umgingen – besonders dann, wenn diese keine wissenschaftliche Grundlage hätten.

Literatur
Witthöft, M. & Rubin, G. J. (2013). Are media warnings about the adverse health effects of modern life self-fulfilling? An experimental study on idiopathic environmental intolerance attributed to electromagnetic fields (IEI-EMF). Journal of Psychosomatic Research, 74 (3), 206-212.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Foto © Dominik Syka / flickr.com unter CC BY 2.0

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