"Die anderen kriegen alles, wir nichts"

Eine Berliner Psychotherapeutin untersuchte Konflikte in Notunterkünften und entwickelte Interventionen, um Spaltungen zwischen Flüchtlingsgruppen zu verhindern.

Trotz sinkender Flüchtlingszahlen funktioniert die Aufnahme und Versorgung der bereits angekommenen und weiter einreisenden Menschen bis in die Gegenwart hinein zu großen Teilen im Notfallmodus. Viele Asylsuchende wohnen seit mehr als einem Jahr in Behelfsunterkünften, was mit den bekannten psychosozialen Belastungen einhergeht.

Konflikte und Aggressionen


In den Hallen und improvisiert ausgestatteten Gebäuden und Übergangswohnheimen sind die Spannungen mitunter enorm hoch, berichtet die Diplompsychologin und Psychotherapeutin Kathrin Groninger. In ihrer psychologischen Arbeit mit Geflüchteten erfährt sie viel über aggressives Verhalten, verbale und körperliche Auseinandersetzungen, Selbst- und Fremdverletzungen, Rausschmisse und Anklagen.

Spannungen zwischen Gruppen


Dabei würden vor allem auch Ungerechtigkeiten in der Behandlung verschiedener Gruppen beklagt: „Die Syrer kriegen alles, wir kriegen nichts“, heißt es da nicht selten, seitdem von staatlicher Seite zwischen den Flüchtlingsgruppen große Unterschiede bei der Bewilligung von Sprachkursen und der Bereitstellung von Wohnraum außerhalb der Notunterkünfte gemacht werden. Das führe zu eskalierenden Konflikten zwischen den Bewohnern. Das Personal in den Einrichtungen und in Behörden agiere in diesem Gefüge ethnisierender Kategorien, nationaler Stereotypisierungen und anderer aus- und abgrenzenden Wahrnehmungsweisen.

Interventionen gegen die Spaltungen


In einer Studie haben Groninger und Kollegen gemeinsam mit Mitarbeitern und Bewohnern  die komplexen Spannungen und Konfliktsituationen in einer großen Berliner Notunterkunft analysiert und umsetzbare Interventionen entwickelt, die weiteren Spaltungsprozessen entgegenwirken könnten. In der Erörterung von Verlauf und Ergebnissen dieser prozessbegleitenden Arbeit, die in Anlehnung an die psychosoziale Konfliktanalyse (Becker & Groninger, 2014) strukturiert wurde, galt es Handlungspotenziale in den extrem restriktiven Situationen von Notunterkünften auszumachen.

Vortrag beim Kongress der NGfP


Über die Schlussfolgerungen für die psychosoziale Arbeit mit Geflüchteten und die wichtige Rolle von Psychologen und Sozialarbeitern wird Kathrin Groninger zusammen mit ihrem Kollegen Dr. Boris Friele in ihrem Vortrag „Psychosoziale Arbeit im Spannungsfeld der Notunterkünfte für geflüchtete Menschen“ beim Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) sprechen. Der Kongress findet vom 9. bis 12. März 2017 in Berlin statt und dreht sich um das Thema „Gesellschaftliche Spaltungen“.

2. März 2017

Quelle: Christa Schaffmann – Neue Gesellschaft für Psychologie
Symbolfoto: © Annika Strupkus


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