Die Anlage zur menschlichen Gewalt

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bewilligte Dr. Thomas Elbert, Professor für klinische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Konstanz, ein Reinhart Koselleck-Projekt zum Thema „Psychobiologie menschlicher Gewalt- und Tötungsbereitschaft“. Die Reinhart Koselleck-Projekte sind ein renommiertes Programm der DFG für wissenschaftliche Pionierarbeit. Herausragenden Wissenschaftlern sollen darin Freiräume gegeben werden, um besonders innovative und in positiver Hinsicht risikobehaftete Projekte durchzuführen.

Das Ziel des Forschungsprojekts, das Thomas Elbert gemeinsam mit Dr. Roland Weierstall durchführt, ist die Erforschung der Entstehung und Kontrollierbarkeit der menschlichen und insbesondere der männlichen Gewaltbereitschaft. Im Unterschied zur bisherigen Aggressionsforschung nehmen Elbert und Weierstall eine stärkere Unterscheidung zwischen zwei Arten der Aggression vor: Sie definieren zum einen eine „reaktive Aggression“ (z.B. die Verteidigung des Heims gegen Eindringlinge). Dieser defensiv geprägten Aggressivität steht die aktive und vorsätzliche Gewalt gegenüber, die sich in geplanten Überfällen auf andere äußert. Die Veranlagung zu dieser instrumentellen Gewaltausübung ist aus psychobiologischer Sicht insbesondere bei Männern festzustellen. Elbert und Weierstall führen diese Veranlagung auf die evolutionäre Herausbildung des Jagdtriebs beim Menschen zurück, dessen Vorfahren vor zwei Millionen Jahren noch ausschließlich Vegetarier waren.

 Elbert und Weierstall untersuchen die psychobiologischen Entwicklungsstadien des Menschen, in denen er zur Gewaltbereitschaft geprägt oder gegen sie konditioniert werden kann. Ein Standbein der Untersuchungen ist die Gehirnforschung im Labor und widmet sich unter anderem der Frage, welche Gehirnzentren appetitive Aggression regulieren, Lust an Gewalt kontrollieren. Das zweite Standbein ist die Feldforschung in Gefängnissen und insbesondere in Kriegsgebieten wie Ostafrika. Ein besonderes Augenmerk von Elbert und Weierstall gilt den Zusammenhängen zwischen Gewaltsozialisierung und der Empfänglichkeit für psychische Erkrankungen aus Gewalterfahrungen. Aus den Forschungen zum menschlichen Aggressionsverhalten erhoffen sich die Forscher auch Rückschlüsse, wie psychische Erkrankungen durch Kriegserfahrungen verhindert werden können und Gewaltbereitschaft reguliert werden kann. 

14.6.2010