Die Leserichtung beeinflusst die räumliche Vorstellung

Psychologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster untersuchten, wie die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, unsere Gedanken beeinflusst.

Wenn wir uns den Satz „Paul schenkt Anna eine Blume“ bildlich vorstellen, steht Paul als Handelnder und Subjekt im Satz wahrscheinlich auf der linken, Anna hingegen auf der rechten Seite. In vielen sprachwissenschaftlichen Studien ist diese Neigung, in der räumlichen Vorstellung der gewohnten Lese- und Schreibrichtung zu folgen, nachgewiesen worden – auch in anderen Kulturen, in denen von rechts nach links geschrieben wird, wie etwa im Arabischen. Psychologen der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gingen in einer aktuellen Studie nun der Frage nach, ob die Tendenz, sich Szenarien in bestimmter räumlicher Anordnung vorzustellen, auch bei Menschen auftritt, die mit der Schriftsprache nicht vertraut sind. Zudem untersuchten sie, welche Rolle die Satzstruktur einer Sprache, also die Stellung von Subjekt, Verb und Objekt, dabei spielt.

Analphabeten aus Yucatán und Veracruz

Die Wissenschaftler untersuchten insgesamt 24 Analphabeten aus Mexico. Die Hälfte von ihnen kam von der Halbinsel Yucatán, auf der Mayathan gesprochen wird, eine Sprache mit Verb-Objekt-Subjekt-Struktur. Die andere Hälfte der Teilnehmer kam aus der Region Veracruz und sprach Spanisch, eine Sprache mit Subjekt-Verb-Objekt-Struktur.

Den Teilnehmern wurden 64 einfache Sätze in ihrer eigenen Sprache vorgelesen. Dabei gab es Sätze mit Bewegung vom Subjekt zum Objekt in aktiver und in passiver Form: Zum Beispiel „Ein Junge gibt einem Mädchen Blumen“ vs. „Ein Junge wird von einer Frau gestoßen“. Zudem beinhalteten andere Sätze eine Bewegung vom Objekt zum Subjekt in aktiver und passiver Form: „Eine Frau verlässt ein Mädchen“ vs. „Ein Junge wird von einem Mann gezogen“. Die Probanden hatten die Aufgabe, das Gehörte entweder zeichnerisch oder mit Hilfe zweier Spielfiguren darzustellen.

Lese- und Schreibfähigkeit formt die bildliche Vorstellung

Die Analysen der Zeichnungen und Spielfigur-Anordnungen ergaben, dass keine der beiden Gruppen das Subjekt des Satzes systematisch einer bestimmten Seite zuordnete. Ob sich die Studienteilnehmer den Handelnden links oder rechts vorstellten, geschah rein zufällig. Die Autoren schließen daraus, dass es kein natürliches Muster gibt, das die Satzbausteine in unserer Vorstellung einem bestimmten Ort zuweist.

Auch die verschiedenen Satzstrukturen des Spanischen und des Mayathans, also die Stellung von Subjekt-Verb-Objekt im Vergleich zu Verb-Objekt-Subjekt, hatten keinen Einfluss darauf, wie die Probanden das Subjekt anordneten. In vielen früheren Untersuchungen hatte sich der Effekt der gedanklichen Zuordnung des Satzsubjekts zu einer bestimmten Seite sehr deutlich gezeigt. All diese Studien haben jedoch gemeinsam, dass sie nur Menschen untersuchten, die lesen und schreiben konnten. Anscheinend ist es tatsächlich unsere Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, die unsere räumliche Vorstellung maßgeblich beeinflusst – selbst dann, wenn die räumliche Richtung eigentlich gar keine Rolle spielt.

Literatur

Dobel, C., Enriquez-Geppert, S., Zwitserlood, P. & Bölte, J. (2014). Literacy shapes thought: The case of event representation in different cultures [PDF]. Frontiers in Psychology, 5 (290), 1-5.

10. März 2015
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Foto: © Susanne Koch


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