Die wichtige Rolle mütterlicher Berührungen

Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften untersuchten den Einfluss mütterlicher Berührungen auf die Gehirnentwicklung der Kinder.

In den 1950er-Jahren zeigte Harry Harlow in seinen Tierversuchen eindrucksvoll, dass das Fehlen mütterlicher Zuwendung zu schwersten Störungen bei Jungtieren führt. Etwa zur gleichen Zeit dokumentierte der Psychoanalytiker John Bowlby auch bei Menschen die negativen Auswirkungen mangelnder mütterlicher Fürsorge und legte damit den Grundstein für seine Bindungstheorie. Heute ist es möglich, dieses Forschungsfeld auch auf neurowissenschaftlicher Ebene zu ergründen, etwa mit Blick auf die Frage: Inwiefern hat das Maß mütterlicher Berührungen Einfluss auf das Gehirn eines Kindes?

Analyse der Berührungshäufigkeit

Genau dies taten nun Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zusammen mit Kollegen der Universitäten Leipzig und Singapur. In ihrem Versuch filmten sie 43 Kinder im Alter von durchschnittlich fünfeinhalb Jahren und deren Mütter beim gemeinsamen Spiel, wobei die Mütter zwar wussten, dass sie gefilmt wurden, das Ziel der Studie jedoch nicht kannten. Auf Grundlage der Aufnahmen analysierten die Wissenschaftler die Berührungshäufigkeit zwischen Müttern und Kindern, wie oft sie also den körperlichen Kontakt mit dem jeweils anderen suchten.

Mehr Berührungen, mehr Aktivität im "sozialen Gehirn"

Bei der Betrachtung der kindlichen Gehirne zeigte sich, dass die Kinder, die während des Spiels häufiger von ihren Müttern berührt wurden, im Ruhezustand eine prinzipiell höhere Aktivität in Hirnarealen aufwiesen, die mit Empathie, Perspektivübernahme sowie sozialen und emotionalen Fähigkeiten assoziiert sind. Dieser Effekt blieb auch bestehen, wenn die Berührungen, die vom Kind selbst ausgingen, herausgerechnet wurden.

Über eine kausale Beziehung spekulieren

Die Wissenschaftler weisen einschränkend darauf hin, dass es sich bei ihren Ergebnissen um reine Korrelationen handelt, also Zusammenhänge, bei denen Ursache und Wirkung nicht klar bestimmbar sind – und dass eine Vielzahl möglicher Einflussfaktoren nicht bekannt ist. Sie diskutieren jedoch auch Tierstudien, die zeigen, wie stark der Einfluss fehlenden körperlichen Kontakts zur Mutter auf die Gehirnentwicklung von Jungtieren ist. Vor diesem Hintergrund argumentieren sie, dass man durchaus über die kausale Beziehung zwischen körperlicher Berührung und der Entwicklung des „sozialen Gehirns“ spekulieren kann.

Literatur

Brauer, J., Xiao, Y., Poulain, T., Friederici, A. & Schirmer, A. (2016). Frequency of maternal touch predicts resting activity and connectivity of the developing social brain. Cerebral Cortex, 26 (8), 3544-3552.

26. August 2016
Quelle: Cerebral Cortex
Symbolfoto: © Serhiy Kobyakov – Fotolia.com

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