Ein Sommermärchen beeinflusst unser Heimatgefühl

Wie sehr wir uns mit Deutschland identifizieren, wird auch durch unsere Erinnerungen an den Fußballsommer 2006 beeinflusst. Dies schlossen Psychologen der Universität Münster aus einer aktuellen Untersuchung.

„Deutschland, ein Sommermärchen“ titelten die Zeitungen rund um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Viel Lob gab es für die deutschen Gastgeber: für die Organisation, aber auch für die positive Stimmung während des Turniers. Schon damals kam die Frage auf, ob es möglich sein würde, das Zusammengehörigkeitsgefühl und das fröhliche Selbstbewusstsein auf Dauer zu erhalten. Psychologen der Universität Münster untersuchten rückblickend, wie das Erinnern von gemeinsamen Erlebnissen das Heimatgefühl der Deutschen beeinflusst.
Sie fragten zu diesem Zweck im Jahr 2007 in einer zweiteiligen Studie insgesamt 217 Personen nach ihren Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 2006. Im ersten Teil sollten die Befragten entweder Fakten über das Turnier auflisten oder ihre persönlichen Erlebnisse rund um die Weltmeisterschaft aufschreiben. Zudem gaben beide Gruppen an, wie gut sie sich erinnern konnten, wie wichtig sie das Ereignis für Deutschland fanden und wie sehr sie sich mit Deutschland identifizierten.

Verbundenheit durch „soziales Teilen“

Es zeigte sich, dass die Erinnerung an persönliche Erlebnisse stärker als das Wiedergeben von Fakten ein Gefühl der Verbundenheit mit Deutschland auslöste. Zudem schätzen die Probanden, die ihre individuellen Erfahrungen beschrieben hatten, das Ereignis als insgesamt wichtiger für alle Deutschen ein und gaben an, sich besser erinnern zu können.
Aus dem zweiten Teil der Untersuchung ging hervor, dass für diesen gefundenen Unterschied nicht nur die Erinnerung als solche verantwortlich war. Vielmehr dachten die Befragten beim Erinnern auch an für sie wichtige und ihnen nahe stehende Personen, mit denen zusammen sie die Weltmeisterschaft erlebt hatten – ein Effekt, den die Sozialpsychologie als „soziales Teilen“ bezeichnet.

Gemeinschaften durch gemeinsame Erlebnisse stärken

Der Theorie zufolge fördern geteilte Erfahrungen nicht nur das Erinnern selbst, sondern sie beeinflussen auch das Gefühl der Zugehörigkeit. Und tatsächlich belegt die Studie der Münsteraner Psychologen in diesem Punkt einen klaren Zusammenhang: Je mehr die Versuchspersonen der Meinung waren, dass die Weltmeisterschaft für alle Deutschen ein wichtiges Ereignis darstellte, desto eher glaubten sie auch, sich gut erinnern zu können und desto stärker identifizierten sie sich mit ihrem Land.
Die Studie belege, den Wissenschaftlern zufolge, dass die Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse und die beteiligten Personen einen wichtigen Beitrag zu unserer sozialen Identität leisten könne. Die Besinnung auf zurückliegende positive Erfahrungen stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl und damit Gemeinschaften nachhaltig.

Literatur
Kopietz, R. & Echterhoff, G. (2014). Remembering the 2006 Football World Cup in Germany: Epistemic and social consequences of perceived memory sharedness. Memory Studies, 7, 298-313.

 

11. Juli 2014
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Foto © Mariusz Blach/Fotolia.com

 

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