Entgrenzung der Arbeit gefährdet Gesundheit

Die Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst spricht beim Landestag der Psychologie in Stuttgart am 8. Juli 2017 über Chancen und Gefahren der Digitalisierung im Arbeitsleben.

Glaubt man der Berichterstattung in den wichtigsten deutschen Printmedien steht mit dem Umbau der Wirtschaft infolge der Digitalisierung ein radikaler Umbruch bevor. Auch von einer "Revolution" ist manchmal die Rede. Diese wird als ein unaufhaltsamer technischer Prozess beschrieben – als sei eine Naturgewalt am Werke.

Möglichkeiten und Gefahren der Digitalisierung


Die Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst sieht das anders. Obwohl sie die vielfältigen Vorteile der Computerisierung in vielen Bereichen anerkennt, lassen die gesellschaftlichen und zivilisatorischen Effekte der Digitalisierung bei der Gesundheitspsychologin die Alarmglocken läuten. "Die neue Dynamik von Arbeitsprozessen verlangt beschleunigte Reaktionen und ein multifunktionales Verhalten. Immer mehr Dinge müssen gleichzeitig im Blick behalten oder erledigt werden. Computer dienen dabei nicht nur der Produktivitätssteigerung, sondern sind auch ein Instrument effektiver Kontrolle sowie entgrenzter Leistungsstimulanz – und das nicht nur bei den Lagerarbeitern, die Computer am Körper tragen, die jeden Handschlag registrieren, den Leistungsumfang überwachen und jeden Arbeitsschritt vorschreiben." Führungskräfte hätten oft kein Problembewusstsein dafür, dass es auch für Kontrolle gesetzliche und ethische Grenzen geben müsse. Bis der Gesetzgeber die diesbezüglichen Lücken fülle, sollten innerbetriebliche Lösungen gefunden werden.

Immer abrufbereit, immer flexibel?


Im Gespräch verweist die Vorsitzende der Sektion "Gesundheits-, Umwelt- und Schriftpsychologie" im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) auch auf die steigende Zahl von Beschäftigten, die permanent abrufbereit sein müssen (zwischen vier und acht Prozent je nach Wirtschaftsbereich) oder deren Arbeitszeiten sich häufig ändern (zwischen elf und 16 Prozent je nach Wirtschaftsbereich). Laut dem Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wird von der letztgenannten Gruppe jeder Zweite erst am selben Tag oder am Vortag über die geänderte Arbeitszeit informiert. Als belastend empfinden dies vor allem Frauen (63 Prozent) sowie Beschäftigte im mittleren Alter (57 Prozent).

Für die Entgrenzung sensibilisieren

In Seminaren versucht Julia Scharnhorst, sowohl Führungskräfte als auch andere Beschäftigte für die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit zu sensibilisieren. "Viele merken gar nicht, wie schon jetzt die ständige Erreichbarkeit durch Smartphones in ihr Leben eingreift. Und selbst die, die es als störend empfinden, wenn der Chef am Sonntagmorgen oder mitten in einer Fortbildung den dringenden Wunsch zur Kommunikation verspürt, wagen es oft nicht, sich dagegen zu wehren."

Beschäftigte stärker unterstützen

Negative gesundheitliche Folgen für viele seien absehbar. "Es geht nicht an, dass manche Arbeitskräfte auch noch die Schuld bei sich suchen, wenn sie nicht mit den Übergriffen ihrer Führungsebene umgehen können. Detachment – die regelmäßige sowohl physische als auch mentale Distanzierung von der Arbeit – ist ein Bedingungsfaktor für Gesundheit, Wohlbefinden und Leistung." Scharnhorst geht damit einen Schritt weiter als zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse (TK), Dr. Jens Baas, der im Vorwort zur TK-Job- und Gesundheitsstudie an Beschäftigte appelliert, sich eigenverantwortlich um ihre Gesundheit zu kümmern. Mehr als 50 Prozent der für diese Studie Befragten geben eine hohe bis sehr hohe Arbeitsintensität an; zwei von drei Betroffenen fühlen sich dadurch belastet. Und: Die TK registrierte einen Anstieg dieser Personengruppe um 15 Prozent in relativ kurzer Zeit. Julia Scharnhorst betont, dass diese Entwicklung als zwingende Folge der Digitalisierung zu betrachten hieße, vor ihr zu kapitulieren. Stattdessen sei jedoch eine Gestaltung von Arbeit 4.0 gefragt.

Landestag der Psychologie

Beim Landestag der Psychologie in Stuttgart am 8. Juli 2017 unter dem Titel "Beziehung 4.0 – macht Digitalisierung alles besser?" wird es um dieses und eine Reihe anderer mit der Digitalisierung zusammenhängender Themen gehen: von therapeutischen Online-Angeboten über Führung in verkürzter Arbeitszeit bis hin zu Online-Dating und Online-Scheidungen.

4. Juli 2017
Quelle: Christa Schaffmann
Symbolfoto: © Tim Gouw – Pexels.com


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