Enthemmungseffekt beim Online-Dating

Beim Landestag der Psychologie am 8. Juli 2017 spricht Prof. Dr. Christiane Eichenberg zu den Besonderheiten von Online-Beziehungen: "Vom Online-Dating bis zur Online-Scheidung."

Jeder sechste Deutsche ab 14 Jahren hat bereits in Online-Single-Börsen nach einem Partner gesucht, jedes dritte Paar lernt sich heute online kennen und ganze 38 Prozent der Deutschen halten, so zeigen Studien, das Internet für den besten Ort, um einen Partner für eine längerfristige Beziehung zu finden. Es scheint also durchaus nicht so zu sein, dass sich in Dating-Portalen nur die vermeintlich "Übriggebliebenen" tummeln, einsame Menschen mit Kommunikationsproblemen und Ängsten, die damit soziale Defizite kompensieren.

The rich get richer


Dem widerspricht auch Prof. Dr. Christiane Eichenberg von der Sigmund-Freud-PrivatUniversität Wien. Beim Landestag der Psychologie in Stuttgart am 8. Juli 2017 spricht sie zum Thema "Vom Online-Dating bis zur Online-Scheidung". Sie ist überzeugt, dass im Internet gilt: "The rich get richer." Das heißt: "Diejenigen, die sowieso schon über starkes soziales Potenzial verfügen, weiten dieses noch aus und nutzen es auch im Internet. Forschungsbefunde untermauern diese Hypothese. Und: Auch die Partnersuche im Internet erfordert soziale Kompetenz."
Das Risiko getäuscht zu werden oder gar einem Heiratsschwindler auf den Leim zu gehen, ist nach Christiane Eichenbergs Worten nicht viel größer als im realen Leben. "Geschummelt wird vor allem mit Fotos und Gewichtsangaben. Nicht nur deshalb rate ich, das erste Date nicht zu lange aufzuschieben. Wartet man zu lange, können die in den Partner hineinprojizierten Erwartungen bereits unerfüllbar sein." Außerdem lasse sich beim ersten persönlichen Treffen auch prüfen, ob man sich nicht nur wundervolle Mails schreiben, sondern sich auch "gut riechen" könne.

Selbstoffenbarungsseffekt im Internet


Wenn es dann tatsächlich "passt", entschließen sich Internet-Paare rascher zum Heiraten. Die Erklärung dafür sieht die Psychologin zum Teil in der Dynamik der Beziehungsentwicklung im Internet. "Außerdem hängt es stark mit dem Selbstoffenbarungsseffekt zusammen, der für die Internetkommunikation in allen möglichen Kontexten – auch in therapeutischen Zusammenhängen – nachgewiesen ist." Demnach falle in der Online-Kommunikation vielen Menschen die Selbstöffnung leichter. So entstehe gefühlt rascher große Vertrautheit und Nähe, was wiederum die Bereitschaft zu einer dauerhaften Bindung erhöhe. "Es ist ein Kennenlernen von innen nach außen. Offline würde man zuerst auf das Aussehen, die Augen, die Hände,das Lächeln oder andere Merkmale achten, die allesamt keine Garantie für dauerhafte Beziehungen darstellen", so die Psychologin. Die Kehrseite dieser von Fachleuten auch "Enthemmungseffekt" genannten Verhaltensänderung: Sie kann sich auch in aggressivem Verhalten, in Cyber-Mobbing oder Cyber-Dating-Abuse niederschlagen.

Notwendigkeit der Medienanamnese


Wie wichtig nicht nur deshalb für Psychologen und Psychotherapeuten das Wissen über das Wesen und die Möglichkeiten der Netzkommunikation ist, begründet Eichenberg mit der wachsenden Zahl von Klienten und Patienten, die mit dem Netz leben (auch ohne süchtig zu sein). "Wie kann ich sie beraten oder gar therapieren, wenn ich den Raum, in dem sie oder ihre Kinder Schaden genommen haben – sei es durch Mobbing, Cyber-Date-Abuse oder anderes – nicht kenne? Ich muss die Lebenswelt meiner Klienten und Patienten nachvollziehen können." Eine Medienanamnese gehöre daher in die ersten Sitzungen.

27. Juni 2017
Quelle: Christa Schaffmann
Symbolfoto: © freestocks.org

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