Erhöhen Sicherheitsaudits die Arbeitssicherheit?

Sicherheitsaudits reduzieren nicht zwangsläufig Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften. Unter Umständen können sie diese sogar begünstigen. Das folgern Psychologen der Ruhr-Universität Bochum aus einer aktuellen Studie.

Mitarbeiter in produzierenden Unternehmen stehen häufig vor einem Dilemma: Sie müssen vorgegebene wirtschaftliche Ziele erreichen und gleichzeitig Sicherheitsvorschriften beachten. Mitunter sind die wirtschaftlichen Ziele aber nur dann erreichbar, wenn gegen Regeln verstoßen wird. Um derart regelwidrigem Verhalten ihrer Mitarbeiter entgegenzuwirken, setzen viele Unternehmen regelmäßig Sicherheitsaudits ein: Unabhängige Beobachter kommen in das Unternehmen und überprüfen, ob die Sicherheitsvorschriften in den täglichen Arbeitsabläufen eingehalten werden. Doch wie gut wirkt diese Maßnahme? Dieser Frage gingen nun Forscher der Ruhr-Universität Bochum aus der Perspektive der Sicherheitspsychologie nach.

Sicherheit und wirtschaftliche Ziele konkurrieren miteinander

In einem Experiment beleuchteten die Psychologen den Zusammenhang zwischen Sicherheitsmaßnahmen und Regelverstößen: 148 Probanden sollten eine simulierte Wasseraufbereitungsanlage betreiben. Dabei hatten sie die Wahl, die Anlage im vorgeschriebenen sicheren, aber nicht profitablen Modus zu starten oder einen profitableren, aber unsichereren Start zu wählen – also eine Regelverletzung zu begehen. Am Computerbildschirm wurde angezeigt, inwieweit sie die vorgeschriebenen Produktionsziele schon erreicht hatten. Ein Teil der Probanden erhielt dabei eine „negative“ Rückmeldung, nämlich wie hoch ihr Rückstand war. Die anderen erhielten die inhaltlich gleiche, aber „positiv“ formulierte Rückmeldung, wie viel sie schon erreicht hatten. In unregelmäßigen Abständen fanden zusätzlich Sicherheitsaudits statt, über die ein Teil der Teilnehmer sehr detailliert, andere hingegen nur vage oder gar nicht informiert wurden. Die Bezahlung der Probanden war abhängig davon, wie viel Gewinn sie erzielten.

Bombenkratereffekt der Ankündigung von Kontrollen

Es zeigte sich, dass die Probanden deutlich mehr Regelverstöße begingen, wenn sie gerade an einem Sicherheitsaudit teilgenommen hatten – egal ob sie dabei erwischt worden waren oder nicht. Die Psychologen erklären dieses Ergebnis mit dem sogenannten Bombenkratereffekt: So hatten im ersten Weltkrieg Soldaten während neuerlicher Bombardierungen oft Schutz in vorhandenen Bombenkratern gesucht – in der Annahme, dass ein zweiter Einschlag an dieser Stelle unwahrscheinlich sei. Entsprechend nahmen vermutlich auch die Probanden an, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering sei, dass direkt im Anschluss an ein stattgefundenes Audit ein weiteres folgen könne. Sicherheitsaudits können folglich genau das Gegenteil von dem bewirken, was beabsichtigt sei. In den Ergebnissen zeigte sich zudem, dass präzise Informationen zum Stattfinden eines Sicherheitsaudits eher als vage oder gar keine zu Regelverletzungen führten.

Unternehmen können entgegenwirken

Die Regelverstöße im Experiment waren zusätzlich abhängig davon, wie den Mitarbeitern ihr bisheriges Ergebnis kommuniziert worden war: Bei einer „negativen“ Rückmeldung waren sie eher zu Regelverstößen bereit als bei einer „positiven“. An dieser Stelle sehen die Psychologen einen Anknüpfungspunkt für Unternehmen: Aus ihrer Sicht sei es günstigster, einen Produktionsfortschritt zu kommunizieren als einen Rückstand. Zusätzlich könne es hilfreich sein, ab und zu zwei kurz aufeinanderfolgende Audits stattfinden zu lassen, um den Bombenkratereffekt auszuhebeln.

Literatur

Von der Heyde, A., Brandhorst, S. & Kluge A. (2015). The impact of the accuracy of information about audit probabilities on safety related rule-violations and the bomb crater effect [Abstract]. Safety Science, 74, 160–171.

17. Februar 2015
Quelle: Ruhr-Universität Bochum
Foto: © Ina Jungbluth


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